Leseprobe »Wehe wenn du fühlst«
Auszug aus Kapitel 3
Oscar gehorchte, nahm zwei Rotweingläser aus der Vitrine und entkorkte die erste Flasche.
»Sag mal Meo, ist mit dir eigentlich alles in Ordnung?« Er schnupperte am Korken und brummte zufrieden, ehe er einen Probeschluck in sein Glas füllte. »Du siehst irgendwie blass und mager aus. Was ist los?«
»Nichts.« Meo ließ ein Stück Butter auf die heißen Rosmarinkartoffeln fallen. »Mir geht’s bestens! Ich hab nur zur Zeit mit meinen Projekten viel um die Ohren, das ist alles.«
»Vielleicht solltest du mal einen Gang runterschalten«, sagte Oscar, während er den Antinori in seinem Rotweinkelch schwenkte und daran roch. »Denn falls du noch immer dieses mörderische Arbeitspensum draufhast, wovon ich stark ausgehe, wirst du eines Tages zusammenklappen!« Er nahm einen Schluck Rotwein, bewegte ihn im Mund hin und her, zog ihn durch die Zähne und kaute ihn durch, ehe er ihn runterschluckte und ein weiteres Mal zufrieden brummte. »Aber das predige ich dir ja nicht zum ersten Mal, du unbelehrbarer Sturkopf!«
»Das sagt genau der Richtige!«, gab Meo zurück. »Danke für deine Belehrung, Oscar, aber du musst für mich nicht den besorgten Vater spielen. Mir geht’s blendend! Und wenn du jetzt fertig bist, könnten wir endlich auf unser Wiedersehen anstoßen.«
»Schon gut! Ich bin fertig!« Oscar füllte die Gläser und reichte eines an Meo weiter. »Salute! Auf uns!« Er hob das Glas und nahm einen kräftigen Schluck. »Na dann erzähl doch mal. Wo hast du dich denn wieder herumgetrieben?«
»BKK und NRT«, sagte Meo. »Und du?«
»MXP, PHL, BOS!«
Dieses Frage-Antwort-Spiel, bei dem sie sich gegenseitig mit Flughafenkürzeln bombardierten, war ebenso wie der Antinori ein fester Bestandteil ihres Männerrituals. Meo Halden war nach Bangkok und Tokio gereist, um Projekte abzuwickeln und Vorträge zu halten, Oscar Trass hatte in Milano, Philadelphia und Boston Klavierkonzerte gegeben. Business as usual!
»So.« Oscar schenkte ihnen Wein nach. »Nachdem wir das geklärt hätten, könntest du mir endlich von deinen Neuigkeiten berichten.«
Meo schaltete die Herdplatten aus und nahm die Teller aus der Wärmeschublade. »Ich hatte in Tokio eine hochinteressante Begegnung mit einer Japanerin.«
»Ach was!« Oscars Stirn hob sich. »Mal wieder eine neue Eroberung? Willst du sie etwa heiraten, oder ist es diesmal noch schlimmer?«
»Nein, um Himmels willen!« Meo schnitt eine belustigte Grimasse, während er die Saltimbocca, die gebratenen Zucchini und die Rosmarinkartoffeln auf den Tellern anrichtete. »Es ist komplett anders, als du denkst.«
»Oje!«, gab Oscar zurück. »Dann ist es also noch schlimmer!«
Sie trugen ihre Teller, Weingläser und Besteck nach draußen auf die Küchenterrasse und ließen sich an dem verwitterten Pinienholztisch nieder.
»Nun sag schon endlich.« Oscar fiel heißhungrig über sein Essen her. »Was hat es mit der Japanerin auf sich?«
Meo berichtete von seinem Termin in Tokio und dem Zusammentreffen mit Dr. Nashido beim anschließenden Geschäftsdinner. »Und jetzt kommt der spannende Teil, Oscar. Rate mal, womit sie sich noch beschäftigt.« Sein Freund sah ihn kauend an und zuckte hilflos die Schultern.
»Mit Onomastik«, sagte Meo.
»Ist das eine ausgefallene japanische Sexualpraktik?«
»Oscar! Denkst du eigentlich auch manchmal an was anderes?«
»Das sagt genau der Richtige!«, parierte Oscar grinsend.
»Als Onomastik bezeichnet man Namenskunde«, klärte Meo ihn auf. »Sie ist ein Teilgebiet der Sprachwissenschaft und beschäftigt sich mit der Herkunft, Struktur und Entwicklung von Vor- und Zunamen.«
»So weit, so klar, und weiter?«
»Oh Mann, du verstehst immer noch nicht, oder? Ich habe diese japanische Expertin für Onomastik angesprochen, um ihr von meinen fruchtlosen Nachforschungen zu berichten und sie zu fragen, ob sie Chancen sieht, doch noch etwas über meine Herkunft herauszufinden. Sie hat mir zugesagt, dass sie ihr Team anweisen wird, international für mich zu recherchieren, capisci?«
»Ich dachte, diesen Teil deiner Geschichte hättest du endgültig abgehakt«, sagte Oscar. »Hattest du nicht nach deiner erfolglosen Recherchezeit beschlossen, nie wieder an dem Thema zu rühren? Woher der Sinneswandel?«
»Weil das eine einmalige Chance ist, die ich nicht ungenutzt verstreichen lassen kann, Oscar. Im Übrigen kennt sich Dr. Nashido auch bestens mit Ahnenforschung aus. Die Informationen, die sie mir liefern wird, werden mein Leben verändern.«
»Klingt großartig.« Oscar wischte sich mit der Serviette den Mund ab und nickte nachdenklich. »Ich finde es gut, dass du sie engagiert hast. Ehrlich! Aber hast du dir auch überlegt, wie du mit den gewonnenen Erkenntnissen umgehen wirst; gesetzt den Fall, dass sie dir überhaupt welche präsentieren kann?«
»Wie meinst du das?«, fragte Meo.
»Na ja, du scheinst dir so verdammt sicher zu sein, dass die Japanerin dir die Antworten liefern wird, nach denen du dich sehnst. Was, wenn nicht?«
»Dass sie gar nichts herausfindet, halte ich für ausgeschlossen.«
»Das meine ich auch gar nicht. Ich frage mich eher, was passiert, wenn dir die Wahrheit, die sie über deine Herkunft ausgräbt, nicht gefällt?«
»Du meinst, wenn sie herausfindet, dass meine Mutter eine heroinsüchtige Prostituierte war und mein Vater ein verurteilter Serienmörder?« Meo holte tief Luft. Warum musste Oscar ihm eigentlich immer mit dem erhobenen Zeigefinger kommen, anstatt sich einfach nur für ihn zu freuen? »In diesem Fall kann ich dich beruhigen, Oscar. Meine Eltern interessieren mich einen Scheißdreck! Ob sie noch leben oder schon tot sind, ist mir sowas von egal. Sie existieren für mich genauso wenig, wie ich für sie existiert habe.«
»Und welche Ergebnisse erwartest du dir dann von deiner Expertin?«
»Dass sie mir sagt, woher der Name Halden kommt, welches Blut durch meine Adern fließt, wo meine geografischen Wurzeln liegen, sowas in der Art. Und wer weiß, vielleicht macht sie ja im Zuge ihrer Nachforschungen sogar Personen ausfindig, die im weitesten Sinn zu meiner Familie gehören. Dann könnte ich mit denen ja vielleicht mal Kontakt aufnehmen.«
»Na dann« Oscars graublaue Augen musterten ihn eindringlich. »Herzlichen Glückwunsch! Ich drück dir beide Daumen, dass du deine Antworten bekommst.«
Meo ließ den letzten Schluck Rotwein in seinem Glas kreisen, während Oscar aus der Küche eine neue Flasche holte, um sie zu entkorken. »Warum habe ich trotz deiner Glückwünsche das Gefühl, dass da noch ein unausgesprochenes Aber auf mich wartet?«
»Okay!« Oscar sah ihm in die Augen. »Wenn du es hören willst, sage ich es dir. Aber nur unter der Voraussetzung, dass du nicht gleich wieder an die Decke gehst, sondern zuerst über meine Worte nachdenkst, ja?«
»Nur zu, ich höre!«
»Weißt du, ich bin mir nicht sicher, ob du dir darüber im Klaren bist, dass sich keines deiner Probleme in Luft auflösen wird, selbst wenn die Japanerin deine Herkunft klärt.«
»Ich will doch nur wissen, woher ich komme. Ist das so schwer zu verstehen? Und außerdem, was hat das mit meinen Problemen zu tun?« Meo gab seinem Teller einen wütenden Schubs. »Von welchen Problemen sprichst du überhaupt?«
»Ich kann deinen Wunsch nachvollziehen, Meo. Wirklich!« Oscar hob beschwichtigend die Hände. »Ich möchte ja auch nur etwas zu bedenken geben. Wenn man die Wahrheit herausfinden will, sollte man auch für sie bereit sein, damit sie einem am Ende nicht mehr schadet als nützt.«
»Keine Ahnung, was du meinst.«
»Solange wir uns kennen, Meo, wirst du zuerst einsilbig und dann aggressiv, sobald ein Gespräch auch nur in die Nähe deiner Kindheit kommt.«
»Ja und? Bin ich verpflichtet, dir oder irgendwem sonst meine Vita offenzulegen?«
»Nein, natürlich nicht!«, sagte Oscar. »Aber deine Reaktion lässt vermuten, dass du wohl mit manchen Dingen, die du als Kind erlebt hast, nicht so recht fertig geworden bist. Kann das sein?«
»Schwachsinn! Im Übrigen muss ich mich vor dir nicht rechtfertigen. Was weißt du denn schon von meiner Vergangenheit!«
»Nicht viel, zugegeben«, entgegnete Oscar. »Nur, dass du Vollwaise bist, im Kinderheim warst und eine Weile bei Pflegeeltern gelebt hast. Weil du selbst mit mir nicht darüber sprichst, obwohl wir seit elf Jahren befreundet sind. Aber ich bin weder blind noch blöd! Meinst du wirklich, ich nehme nicht die geballte Faust in der Tasche wahr, mit der du durch dein Leben pflügst, und die Verbissenheit, mit der du hier oben dein Leben als einsamer Wolf zelebrierst?« Er schob seinen leeren Teller weg, verschränkte die Arme vor sich auf der Tischplatte und lehnte sich zu Meo nach vorne. »Du verschanzt dich hinter deiner Arbeitswut, deinem maßlosen Perfektionsanspruch und deiner Kultiviertheit wie hinter einem Bollwerk und redest dir ein, das wäre die ultimative Glücksformel für ein erfülltes Leben. – Und warum das alles? Damit dir nur ja niemand zu nahe kommt! Deshalb möchte ich dich warnen, Meo. Wenn du deine Vergangenheit weiterhin verdrängst, anstatt dich mit ihr auseinanderzusetzen, wird sie dir eines Tages zum Verhängnis werden. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede!«
»War’s das?« Meo spürte, wie es hinter seiner rechten Schläfe zu pochen begann und der Druck in seinem Brustkorb zunahm. Er musste sich zusammenreißen, um Oscar nicht am Kragen zu packen und samt seiner Klugscheißerei vom Grundstück zu jagen. Er hätte wissen müssen, dass sein Freund nichts kapieren würde. Wie sollte er auch? Er konnte sich schließlich nicht in seine Lage versetzen. Verdammt nochmal, niemand konnte sich in seine Lage versetzen!
Genau aus diesem Grund behielt er normalerweise seine Privatangelegenheiten für sich und die Leute um ihn herum auf Abstand. Um sich derlei nervige Belehrungen zu ersparen, die ihn nicht weiterbrachten und um die er nicht gebeten hatte! Und Oscar hatte ihm mit seiner Moralpredigt gerade wieder bestätigt, dass es ausgesprochen vernünftig war, nicht von dieser Gangart abzuweichen. Auch wenn sein Freund es nicht nachvollziehen konnte, für ihn, Meo, hatte sich seine Lebensführung bisher durchaus als ultimative Glücksformel für ein erfülltes Leben erwiesen!
Meo erhob sich ohne ein weiteres Wort und lief in die Küche, um tief durchzuatmen und sich herunterzufahren, ehe er sich zu einer unüberlegten Reaktion hinreißen ließ, die er später bereuen würde. So wie in Bangkok, als er den Badspiegel zertrümmert hatte.
»Hey!« Oscars warme Hand legte sich auf seinen Rücken. »Entschuldige! Ich sollte mich nicht als dein Therapeut aufspielen. Hast ja recht. Das steht mir nicht zu!«
»Ich weiß schon, was ich zu tun habe und was ich mir zutrauen kann, Oscar. Ich bin nämlich schon groß, falls dir das entgangen sein sollte.« Meo schüttelte Oscars Hand ab. »Wenn ich einen Rat von dir möchte, dann werde ich dich danach fragen. Und jetzt bitte ein anderes Thema, sonst muss ich unseren Abend hiermit für beendet erklären!«
»Einverstanden!«, erwiderte Oscar. »Ich wüsste da ein anderes Thema, das einer dringenden Klärung bedürfen würde.«
»Und das wäre?« Meo warf seinem Freund sicherheitshalber einen warnenden Blick zu.
»Was gibts eigentlich zum Nachtisch?«
»Crème brulée«, sagte Meo und musste gegen seinen Willen grinsen. »Mit marinierten Erdbeeren!«