Leseprobe »Wehe wenn du fühlst«
Prolog
Bayern – Kinderheim St. Elisabeth, 1975
Bartholomeos Magen krampfte sich zusammen. Er hielt die Luft an und presste die Lippen aufeinander, um zu verhindern, dass sich sein Mageninhalt auf die Tischplatte ergoss. Aber sein Mund öffnete sich trotzdem mit einem geräuschvollen Rülpser und stinkende, graubraune Kohlfasern spritzen über den Tisch.
»Scheiße!« Alfons Kowalczyk, der ihm gegenüber saß, rammte seinen Stuhl nach hinten und sprang auf. Er war von Frau Hartmann abkommandiert worden, dafür zu sorgen, dass Bartholomeo seinen Teller leer aß und nichts in der Backe zurückbehielt, um es später heimlich auszuspucken. Einige Spritzer der Kohlpampe waren auf seiner Nase, seiner Stirn und seinem verdreckten Hemd gelandet. Er wischte sich angewidert mit dem Ärmel übers Gesicht und knurrte leise: »Das wirst du mir noch büßen, du hinterhältiges Schlitzauge! Darauf kannst du einen lassen!« Dann sah er sich hilfesuchend nach Frau Hartmann um.
Die Erzieherin, die wie üblich nach dem Abendessen im Durchgang zur Küche stand, um die Säuberung des Speisesaals zu überwachen und den Küchentrupp zu befehligen, der inzwischen mit dem Abwasch beschäftigt war, nickte herablassend. »Du kannst gehen, Alfons. Ich kümmere mich darum!«
Der Pfleger gab einen Grunzer von sich, verpasste seinem Stuhl einen wütenden Tritt und stampfte aus dem Speisesaal.
Bartholomeo senkte den Kopf und starrte auf die Sauerei. Er wagte kaum zu atmen, geschweige denn, sich zu bewegen, aber er konnte das Knirschen von Frau Hartmanns Kreppsohlen hören, die sich seinem Platz näherten. Er wusste, was ihm bevorstand, und versuchte, sich innerlich darauf vorzubereiten.
»Damit kommst du mir nicht durch, das weißt du, oder?«, herrschte Frau Hartmann ihn an, packte sein Kinn und riss es nach oben.
Er nickte stumm.
»Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!«
Bartholomeo hob gehorsam den Blick und zwang sich, Frau Hartmann ins Gesicht zu sehen. Ihre tief in den Höhlen liegenden Augen sahen aus wie schmutzige Glasmurmeln. Sie hatten die gleiche schlammbraune Farbe wie die Brühe in der rostigen Regentonne neben dem alten Lagerschuppen, in der Laub, tote Insekten, aufgequollene Regenwürmer und wer weiß, was sonst noch vor sich hin faulte. Und plötzlich drängte sich ihm ein Bild auf, das er aus seinem Biologiebuch kannte: Die Fotografie einer zähnefletschenden Hyäne, die den Betrachter aus dunkel schimmernden, zu bösartigen Schlitzen verengten Augen anstierte. Frau Hartmann hatte den gleichen Furcht einflößenden Ausdruck in ihren zusammengekniffenen Glasmurmelaugen wie diese Hyäne. Hungrig, gierig und erbarmungslos.
»Und? Sind wir uns einig?«
Er nickte wieder.
»Gut!« Sie riss ihm den Löffel aus der Hand, kratzte sein halb verdautes Erbrochenes von der Tischplatte und rammte es ihm in den Rachen. »So – und jetzt runter damit!«
Bartholomeo würgte den schleimigen Brei hinunter, wobei er vermied, dabei zu atmen, um den Gestank und den ekelerregenden Geschmack erträglicher zu machen. Er musste seinen Magen unbedingt unter Kontrolle behalten, denn Frau Hartmann würde ihm seine Kotze so lange verabreichen, bis er sie bei sich behielt, egal wie lange es dauerte.
Aber dieser Umstand war nicht sein größtes Problem. Sein größtes Problem war Alfons!
Alfons Kowalczyk, der als Hilfspfleger und Mädchen für alles den Erzieherinnen zur Hand ging, hatte nämlich in jeder Hinsicht eine erschreckende Ähnlichkeit mit dem fliegenfressenden Diener von Nosferatu. Er hatte die gleiche gedrungene Statur, das gleiche breite Froschmaul und die gleichen unnatürlich hervorquellenden Augen. Nur dass sein teigiges Gesicht auch noch übersät war mit eitrigen Pusteln, an denen er ständig herumkratzte, bis sie wie hochrot entzündete Krater auf seinen Wangen, seiner Stirn und seiner Nase glühten. Darüber hinaus hatte er grundsätzlich schlechte Laune und wenn er doch einmal lachte, lief es einem kalt den Rücken hinunter, weil sein überdrehtes Gelächter wie das Gekreische eines Geisteskranken klang, der aus der Irrenanstalt entlaufen war.
Dazu kam noch, dass er entsetzlich stank. Nach altem Schweiß, Urin und kaltem Zigarettenqualm, nach Essensdünsten und fauligen Zähnen, weshalb alle vermieden, sich in seiner unmittelbaren Nähe aufzuhalten. Selbst die Erzieherinnen hielten geflissentlich Abstand zu ihm und drehten den Kopf zur Seite, wenn sich ein Gespräch mit ihm nicht vermeiden ließ.
Deshalb hieß er seit der Filmvorführung von Nosferatu – Phantom der Nacht bei den Kindern nur noch Der Fliegenfresser. Der Film, ein cineastisches Highlight, wie der Heimleiter Herr Bach betont hatte, war im vergangenen Jahr sein Weihnachtsgeschenk an alle Heimkinder gewesen und niemand hatte sich diesen Filmabend entgehen lassen. Sie hatten zwar keine Ahnung gehabt, was ein cineastisches Highlight war, aber alle hatten den Film gruselig gefunden. Einige von den Kleinen hatten sich sogar vor Angst in die Hosen gemacht.
Wobei das Problem mit Alfons nicht darin bestand, dass er so abstoßend war und nicht alle Tassen im Schrank hatte, weshalb Bartholomeo sich lebhaft vorstellen konnte, dass er tatsächlich Fliegen, Wanzen und Küchenschaben aufsammelte, um sie als kleine Leckerbissen zwischendurch zu verzehren. Das Beunruhigende an dem Fliegenfresser war, dass unter den Kindern Gerüchte kursierten, wonach er sich für spezielle Kandidaten gerne originelle Spielchen ausdachte.
Bartholomeo wusste zwar nicht, was er sich darunter vorstellen sollte, aber es klang beängstigend.
Zwei Stunden später rollte er sich unter seiner Bettdecke zusammen. Er hatte die Fütterung überstanden, ohne sich noch einmal zu erbrechen, und im Anschluss alle Tische und den Fußboden des Speisesaals geschrubbt, ehe Frau Hartmann ihm erlaubt hatte, ins Bett zu kriechen.
Er zog sich die Decke unters Kinn, starrte in die Finsternis und versuchte, nicht darüber nachzudenken, was ihm blühen mochte, wenn Alfons seine Drohung wahrmachte. Allein der Gedanke daran jagte ihm eine solche Angst ein, dass es in seinen Eingeweiden zu brodeln begann.
Das Licht im Schlafsaal erlosch. Ab jetzt waren Toilettengänge und Unterhaltungen bis zum Morgenappell untersagt. Der Junge neben ihm hustete verhalten, Bettfedern knarzten und dann war es still, bis auf das erstickte Schluchzen des neuen Erstklässlers, der letzte Woche das leere Bett am anderen Ende des Raumes bezogen hatte.
»Halt endlich die Fresse, oder soll ich zu dir rüberkommen?«, fauchte einer der Bettnachbarn des Erstklässlers. »Bei dem Geflenne kann ja kein Mensch schlafen!«
Das Schluchzen verstummte.
Bartholomeo schloss die Augen. Er konnte nur hoffen, dass an den Gerüchten über Alfons nichts dran war und dieser nur versucht hatte, ihm Angst einzujagen – was ihm auch bestens gelungen war.
Frau Hartmann würde doch niemals dulden, dass der Fliegenfresser sich über ihren Kopf hinweg eines ihrer Schäfchen schnappte, um mit ihm originelle Spielchen zu spielen. Alfons durfte ja nicht mal aufs Klo gehen, ohne sich vorher bei Frau Hartmann abzumelden.
»Aufstehen und mitkommen!«, zischte plötzlich eine Stimme in Bartholomeos Ohr. Fauliger Atem wehte ihm entgegen. »Und wehe, du gibst auch nur einen Mucks von dir!«
Ehe Bartholomeo wusste, wie ihm geschah, flog seine Bettdecke davon und eine Hand packte seinen Oberarm. Er wurde aus dem Bett gezerrt und von Alfons über die dunklen Flure des Kinderheims nach draußen auf den Hof geschleift.
Eisige, mit Graupeln vermischte Windböen schlugen Bartholomeo entgegen. Die gefrorenen Regentropfen, die wie scharfkantige Wurfgeschosse auf sein Gesicht und seine nackten Beine prasselten, durchnässten sein Nachthemd in Sekundenschnelle. Seine Gedanken rasten. Wo brachte ihn der Fliegenfresser hin?Was hatte er vor und warum kam niemand, um ihn daran zu hindern?
Er hatte nicht die geringste Vorstellung davon, was ihn erwartete. Aber er ahnte, dass die Gerüchte über den Fliegenfresser wohl doch der Wahrheit entsprachen. Denn so wie es aussah, begann gerade eines seiner originellen Spielchen und Bartholomeo war der Auserwählte, der daran teilnehmen durfte.
1
Bangkok – 02. Juni 2003
Pünktlich um 18 Uhr betrat Meo das Podium im großen Auditorium der staatlichen Silpakorn-Universität, die als eine der führenden Lehranstalten des Landes auf den Gebieten der Archäologie und der Schönen Künste galt. Der angenehm heruntergekühlte Hörsaal war bis auf den letzten Platz mit jungen Designstudenten gefüllt.
Er hatte für seinen Vortrag ein Ensemble aus dunkelgrauem Einreiher mit rotem Einstecktuch gewählt, dazu ein weißes Hemd und graue Budapester Schuhe. Lediglich auf die Krawatte hatte er wie immer verzichtet. Diese Dinger waren nicht nur spießig, sondern verliehen einem obendrein das Aussehen eines gewürgten Truthahns.
Man sollte die Wirkung der Kleidung einer Person nie unterschätzen. Sie war genau wie Auftreten, Sprache und Körperhaltung ein wichtiges Statement an die Außenwelt und für den ersten Eindruck gab es keine zweite Chance! Weshalb Meo auch nie verstehen würde, warum sich so viele Menschen so wenige Gedanken über ihr äußeres Erscheinungsbild machten und einige von ihnen es sogar fertigbrachten, ihr Leben in Jogginghosen und Schlappen zuzubringen.
»Danke, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind, Mr. Halden!« Jack Sumarvati, der Direktor der Universität, war zu ihm getreten. »Wir alle sind schon sehr gespannt auf Ihren Vortrag!« Er reichte Meo die Fernbedienung. »Mein Mitarbeiter hat Ihren Laptop schon an den Beamer angeschlossen. Wenn Sie möchten, können Sie sofort loslegen.«
»Sehr gerne, Mr. Sumarvati.«, sagte Meo und schenkte ihm ein zuvorkommendes Lächeln. »Lassen Sie uns beginnen.«
Der Unidirektor nickte zustimmend und tippte mit dem Finger auf sein Mikrofon. »Ladies and Gentlemen, darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten?«
Das Gemurmel im Auditorium verstummte.
»Bei unserem nächsten Gastredner handelt es sich um einen international gefragten Designer, der für uns extra aus Italien angereist ist. Er hat sich auf Interior-Design und Licht-Konzepte spezialisiert, die er für Businessgebäude, Flagship Stores und Luxushotelanlagen entwirft, und dafür schon eine Reihe von Preisen eingeheimst. So wie übrigens auch für einige seiner Tablewear-Kollektionen, die er in den Anfangsjahren seiner Designertätigkeit entworfen hat. Ich freue mich deshalb sehr, Ihnen heute Mr. Meo Halden präsentieren zu dürfen!«
Applaus brandete durchs Auditorium.
Meo trat nach vorne ins Licht. »Buonasera, signore e signori!« Er ließ seinen Blick durch die Reihen der Studenten schweifen.
»Diese angesehene Universität wurde 1943 von Corrado Feroci gegründet. Er kam aus Italien, genau wie ich. Daher betrachte ich es als eine ganz besondere Ehre, heute hier vor Ihnen über Design sprechen zu dürfen.« Er deutete lächelnd eine Verbeugung an. »Abgesehen davon bin ich mir sicher, dass meine Anreise um einiges komfortabler war als die Ferocis anno dazumal und deutlich schneller ebenfalls.«
Nach einer kurzen, launigen Einführung wechselte er zum eigentlichen Inhalt seines Themas. Er erhob die Stimme und modulierte seine sorgfältig gewählten Worte mit mehr Nachdruck, wobei er auf überflüssige Füllwörter und abgegriffene Floskeln verzichtete, da sie in einem perfekten Vortrag nichts zu suchen hatten. Ein guter Redner musste vielmehr in der Lage sein, leicht nachvollziehbare Verständnisbrücken zu bauen, um seine Zuhörer durchs Thema zu tragen, und diese Klaviatur beherrschte er aus dem Effeff.
»Gutes Design zeichnet sich durch Einfachheit aus.« Er drückte auf die Fernbedienung, um das Bild einer von Dieter Rams gestalteten, weißen Saftpresse auf die Beamerfläche zu holen. »Entscheidend ist das Weglassen von Attributen, die keine Funktion haben. Das ist nur unnötiges Blendwerk. Dieter Rams, der das revolutionäre Braun Design in Deutschland entwickelt hat, reduzierte deshalb radikal die Anzahl verschiedener Materialien und legte bei seinen Entwürfen das Augenmerk allein auf eine intuitiv leichte Bedienbarkeit. Dabei kamen so einzigartige Produkte heraus wie dieses hier!«
Er zog einen flachen, schwarzen Taschenrechner aus der Innentasche seines Jacketts und hielt ihn hoch. »Nichts Besonderes, werden Sie denken. Fast alle Rechner sehen heute so aus. Stimmt! Aber Rams hatte das Design bereits 1987 entworfen, also vor 16 Jahren! Dieser Taschenrechner wurde wie kaum ein anderes Produkt durch seine ikonische Gestaltung zu einem Wegbereiter und Impuls für die Formensprache vieler aktueller Gebrauchsgegenstände!« Er betätigte die Fernbedienung. Die Saftpresse verschwand und die Nahaufnahme einer Sonnenblumenblüte leuchtete auf.
Meo öffnete den Mund, um mit seinen Erläuterungen fortzufahren, brachte jedoch nicht mehr als ein dümmliches »Ähhh!« zustande. In seinem Kopf war plötzlich alles leer. Er starrte auf das Foto, aber sein Gehirncomputer hatte von einer Sekunde auf die andere sämtliche Denkprozesse offline geschaltet. In seinem Verstand glomm nicht einmal mehr ein vager Schimmer davon auf, was er zu der Sonnenblume hatte sagen wollen.
Herrgott nochmal! Dabei war sie doch eines seiner Standardbeispiele! Das durfte doch nicht wahr sein! Der erfolgreiche Halden stand auf der Bühne mit einem Blackout! Wie ein Schulkind an der Tafel, das die Fragen des Lehrers nicht beantworten kann, während im Hintergrund die Klassenkameraden schon hämisch zu kichern beginnen.
Er spürte, wie ihm kalter Schweiß aus allen Poren brach, sich auf seiner Stirn sammelte, auf seiner Oberlippe, unter den Achseln. Das hatte er nun von seinen anspruchsvollen Grundsätzen, bei Vorträgen niemals schriftliche Notizen zu verwenden und die Beschriftung der Folien so minimalistisch wie möglich zu halten.
Erste Schweißperlen lösten sich von seiner Stirn, rannen ihm über die Schläfen und brannten salzig in seinen Augen. Reiß dich zusammen, Halden! Denk nach. Zu welchem Thema wolltest du überleiten? Er atmete tief ein und studierte von Neuem das Foto, aber jemand hatte in den Gedächtniskammern seines Hirns das Licht ausgeschaltet.
Ok! Dann musste er eben so tun, als gehörte das zum Programm. Er wandte sich lächelnd an sein Publikum, das in erwartungsvoller Stille auf seine nächsten Sätze wartete, und machte eine lässige Handbewegung, um den Studenten zu bedeuten, dass sie sich noch einen Moment gedulden sollten. Ganz so, als wollte der Maestro eine kleine, dramaturgische Kunstpause einlegen, um seine Zuhörer im Anschluss mit einem Knaller zu überraschen. Dabei kam er sich vor wie ein Hochstapler, der mit Taschenspielertricks davon abzulenken versuchte, dass er nicht mal eine Fliege aus dem Hut zaubern konnte.
Meo drehte sich zurück zur Leinwand und studierte mit wachsender Anspannung und pochendem Herzen die spiralförmig angeordneten Blütenstände der Sonnenblume, deren Färbung von ätherischem lindgrün bis zu sattem goldgelb reichte. Aber es flammte keine erlösende Glühbirne auf, die Licht ins Dunkel seines Erinnerungsvermögens gebracht hätte. Die ihm die beruhigende Gewissheit gegeben hätte, dass der Stromausfall in den elektrischen Leitungen seiner Gehirnwindungen nur eine unbedeutende, vorübergehende Spannungsschwankung gewesen war.
Stattdessen begannen sich plötzlich die Blütenblätter der Sonnenblume zu kräuseln, als würde er sie durch eine vom Wind bewegte Wasseroberfläche betrachten. Und sogleich gerieten auch die winzigen Blütenstände, die eben noch friedlich in ihrem kreisrunden, goldgelb gesäumten Bett geschlummert hatten, in Bewegung. Sie lösten sich aus ihren sorgfältig arrangierten Positionen und wirbelten herum wie die fliegenden Röcke türkischer Derwische.
Verdammt, was war denn auf einmal los mit ihm? Meo wischte sich den Schweiß aus den Augen, während eine Welle der Übelkeit über ihn hinweg schwappte und es in seinen Eingeweiden unheilvoll zu rumoren begann. Er stützte sich mit den Armen auf den Oberschenkeln ab, um nicht umzukippen, und pumpte keuchend gegen seinen rasenden Herzschlag an, während er ein Stoßgebet gen Himmel schickte. Bitte mach, dass ich nicht hier auf der Bühne zusammenklappe! Lass nicht zu, dass ich mich in aller Öffentlichkeit übergebe oder noch schlimmer, dass mein Darm sich selbstständig macht. Hilf mir! Bitte! Nur dieses eine Mal!
Aus dem Auditorium war jetzt leises Murmeln und Raunen zu hören.
»Mr. Halden?« Jemand berührte ihn an der Schulter. »Was ist mit Ihnen? Geht es Ihnen nicht gut?« Jack Sumarvati hielt ihm ein Glas Wasser und eine Papierserviette hin. »Sollen wir eine Pause machen?«
»Nicht nötig!« Meo richtete sich immer noch keuchend auf, griff dankbar nach dem Glas, stürzte den kühlen Inhalt hinunter und wischte sich mit der Serviette das schweißnasse Gesicht ab. »Es geht schon wieder. Ist wahrscheinlich nur die Hitze.«
Sumarvati nickte, obwohl seine Miene Besorgnis verriet. »Wie Sie meinen!« Er nahm Meo das Glas und die zerknüllte Serviette ab und zog sich wieder zurück.
Meo schloss die Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Sein Herz pochte immer noch viel zu heftig in seiner Brust und ihm war immer noch heiß, aber das Grummeln in seinen Eingeweiden und der Schwindelanfall hatten sich inzwischen gelegt. Gott sei Dank! Er brauchte für den Rest seines Vortrages noch knappe zwanzig Minuten, solange würde er schon durchhalten. Die Show musste schließlich weitergehen!
Er drehte sich zu seinem Publikum um und hob die Mundwinkel zu einem Lächeln an. »Ladies and Gentlemen ...« In diesem Augenblick zog sich sein Magen in einer heftigen Konvulsion zusammen. Seine Beine sackten weg, er fiel auf die Knie und erbrach sich.
Die aufgeregten Stimmen aus dem Auditorium wehten jetzt merkwürdig gedämpft, wie durch einen Watteschleier zu ihm herüber, während sich seine Luftröhre zusammenzog. Meo riss die obersten Knöpfe seines Hemdes auf, griff sich an den Hals und versuchte verzweifelt, Sauerstoff in seine schreienden Lungen zu saugen. Seine Haut kribbelte wie verrückt und vor seinen Augen zuckten Lichtblitze. Nicht mehr lange und er würde ohnmächtig in sich zusammenfallen wie ein nasser Sandsack. Auf sein Publikum musste die Szene wirken wie eine Slapstickeinlage, so wie er da in seiner Kotzelache kniete und mit aufgerissenem Mund und hervorquellenden Augen vor sich hin röchelte wie ein Fisch auf den Trockenen.
»Mr. Halden?« Die Stimme gehörte Sumarvati, der sich über ihn beugte. »Sollen wir einen Arzt rufen?«
»Nein!« Meo konnte die Worte nur mit Mühe hervorpressen. »Geben Sie mir noch einen Moment. Ich bin gleich wieder okay!« Er wischte sich mit dem Ärmel seines Sakkos den Mund ab und konzentrierte sich unter Aufbietung aller Willenskraft auf seine Atmung. Einatmen! Ausatmen! Und wieder einatmen und noch mal ausatmen! Und tatsächlich ließ die Enge in seinem Hals allmählich nach, sein Herzschlag beruhigte sich und nach einer Weile war er mit Jacks Hilfe in der Lage, auf die Beine zu kommen. Sein Hemd, das ihm kalt und nass auf der Brust klebte, stank ekelhaft nach Erbrochenem.
»Mr. Halden, das hier ist Niran, mein Assistent.« Sumarvati deutete auf den jungen Thai, der zu ihnen trat. »Er wird Sie in mein Büro bringen. Dort können Sie sich frisch machen und ein wenig ausruhen. Ich schlage vor, wir unterbrechen das Programm erst einmal für fünfzehn Minuten und dann sehen wir weiter, einverstanden?«
Meo nickte. Da sich kein erlösender Abgrund vor ihm auftat, in den er hätte verschwinden können, blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Assistenten zu folgen.
Das Büro des Direktors war mit einem kleinen Bad ausgestattet. Meo wusch sich Hände, Gesicht und Oberkörper und versuchte, mit einem nassen Handtuch sein Hemd und den Anzug zu säubern. Aber am Ende sahen die Flecken noch schlimmer aus als zuvor und rochen auch nicht wesentlich besser. Wenn er seinen Vortrag beenden wollte, brauchte er neue Kleidung!
Er kramte sein Blackberry aus dem Anzugjackett, wählte die Nummer seines Hotels und bat die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung, ihm aus seiner Suite den dunkelblauen Anzug, passende blaue Schuhe sowie ein weißes Hemd in die Uni bringen zu lassen.
»Sehr gerne, Mr. Halden. In dreißig Minuten haben Sie die Sachen. Ich werde mich sofort darum kümmern!« Meo bedankte sich, legte auf und ließ sich auf die kleine, mit moosgrünem Kunstleder bezogene Couch fallen. Was zum Teufel war nur los mit ihm?
In diesem Moment klopfte es an der Tür und Jack Sumarvati streckte seinen Kopf herein. »Wie fühlen Sie sich, Mr. Halden?«
»Schon viel besser, Mr. Sumarvati. Danke!« Meo erhob sich.
»Freut mich, zu hören!« Sumarvati trat näher, musterte ihn eingehend und nickte dann sichtlich erleichtert. »Ja, jetzt gefallen Sie mir schon viel besser! Sie haben wieder Farbe im Gesicht! Kann ich noch etwas für Sie tun?«
»Nein, danke«, sagte Meo. »Bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihnen so viele Unannehmlichkeiten bereitet habe. Ich weiß nicht, was vorhin mit mir los war. So was ist mir noch nie passiert! Wenn Sie erlauben, würde ich meinen Vortrag gerne fortsetzen. Allerdings kann ich mich in dem Aufzug nicht mehr blicken lassen.« Er deutete auf sein fleckiges Sakko und das nasse Hemd, das er über die Lehne des Besucherstuhles vor Sumarvatis Schreibtisch gehängt hatte. »Mein Hotel bringt mir einen neuen Anzug. Ich habe bereits alles arrangiert. In einer halben Stunde wäre ich wieder einsatzbereit.«
»Sind Sie sicher?« Der Unidirektor runzelte zweifelnd die Stirn.
»Absolut!«, sagte Meo.
»Gut«, erwiderte Sumarvati nach zwei Bedenksekunden. »Dann werde ich den nächsten Vortrag vorziehen und in fünfundvierzig Minuten gehört die Bühne wieder Ihnen.«
»Ladies and Gentlemen, ich bitte vielmals um Entschuldigung für die ungeplante Unterbrechung. Offenbar habe ich den Klimawandel ein wenig unterschätzt.« Meo zwinkerte den Studenten mit einem professionell entspannten Lächeln zu. »Den Unterschied zwischen Italien und Thailand, um genau zu sein.« Eine ziemlich lahme Ansage! Aber die Einzige, die ihm angesichts der Umstände gerade eingefallen war.
Die Studenten auf den Rängen lachten trotzdem. Immerhin!
»Aber nun lassen Sie uns fortfahren! Leonardo Fibonacci, übrigens auch ein Italiener, hat 1202 bei seinen Beobachtungen von Karnickelpopulationen eine Formel entdeckt, die Sie überall in der Natur finden.« Er betätigte die Fernbedienung und holte wieder die Großaufnahme der Sonnenblumenblüte auf die Leinwand. »Betrachten Sie einmal die Anordnung der kleinen, geschlossenen Einzelblüten im Inneren der Sonnenblume. Sie folgen alle einem mathematischen Muster, das ihre Größenverhältnisse zueinander definiert. Wenn Sie genau hinsehen, werden Sie feststellen, dass die Positionierung der Blüten, aus denen später übrigens die Kerne hervorgehen, aus linksdrehenden und rechtsdrehenden Spiralen besteht und die Anzahl der Spiralen exakt Fibonaccis mathematischem Prinzip folgt. Gleiches finden Sie auch in den Windungen dieses Fossils hier!« Er klickte auf die Fernbedienung und das Foto eines versteinerten Schneckenhauses erschien.
»Wie sieht nun diese Formel aus, die Leonardo entdeckt hat?« Seine nächste Folie zeigte ein Kachelmuster aus unterschiedlich großen Quadraten, deren Kantenlängen ebenfalls der Fibonacci-Folge entsprachen. »Nun, sie ist ziemlich simpel. Sie besteht aus einer unendlichen Abfolge von Zahlen, bei der sich die jeweils folgende Zahl durch Addition der beiden vorherigen Zahlen ergibt. Also 1 und 1 ist 2, 2 und 3 ist 5, 3 und 5 ergibt 8 und so weiter.« Er machte eine kleine Pause und blickte in die Gesichter der Studenten, die ihm aufmerksam lauschten. »Übrigens, falls Sie sich an dieser Stelle fragen sollten, ob die Fibonacci-Folge auch auf unsere menschliche Population anwendbar ist: Fibonaccis Zahlenfolge stellt ein rein mathematisches Wachstumsmuster dar, das keinerlei äußere Einflüsse berücksichtigt. Da die menschliche Bevölkerungsentwicklung jedoch durch eine ganze Reihe von komplexen Faktoren beeinflusst wird, wie etwa Geburten- und Sterberaten, Migration, soziale Strukturen, kulturelle Normen, Ressourcenverfügbarkeit und medizinischen Fortschritt, ist die Fibonacci-Folge hier nur sehr bedingt anwendbar.
Warum also habe ich die Formel trotzdem so ausdrücklich erwähnt? Nun, weil Sie sich auf der Suche nach dem optimalen Design möglicherweise die gleiche Frage stellen, die ich mir immer wieder stelle: Was ist perfekt? Was ist harmonisch?« Er warf einen fragenden Blick in die Runde. »Der Schlüssel liegt in Leonardos Formel! Sie kann Ihnen dabei helfen, wahrhaft zeitloses Design zu erschaffen. Denn die Natur nehmen wir immer als vollkommen harmonisch wahr!«
Nach Beendigung seines Vortrages applaudierten die Studenten begeistert, einige erhoben sich sogar von ihren Sitzen. Normalerweise war das seine elektrisierende Belohnung, der ultimative Beweis für seine Professionalität und sein Wissen, das er sich mit Disziplin und Ehrgeiz über die Jahre erworben hatte. Heute jedoch konnte er den Beifall kaum ertragen. Er klang falsch und aufgesetzt. Zu höflich, zu rücksichtsvoll.
Meo breitete die Arme aus und rang sich ein Lächeln ab. »Danke, dass Sie so viel Geduld mit mir hatten! Und meinen ausdrücklichen Dank auch an Jack, der mich so fürsorglich betreut hat!« Am liebsten wäre er jetzt auf und davon gerannt. Zurück in sein Hotelzimmer, um sich zu betrinken, um nicht mehr über diese Schmach nachdenken zu müssen. Aber diese Option hatte er nicht, weil als Nächstes ein Thaibuffet auf der Agenda stand.
Unter anderen Umständen hätte er sich auf diesen zwanglosen Stehempfang gefreut. Bildete er doch immer einen anregenden Veranstaltungsabschluss, bei dem man in entspannter Atmosphäre noch eine Weile mit den Studenten und den anderen Gastrednern über Design diskutieren und innovative Ideen austauschen konnte. Seine Projektplanungen hatten schon des Öfteren von diesen wertvollen Impulsen profitiert, die ihm derlei Zusammenkünfte beschert hatten. Heute allerdings hätte er viel darum gegeben, wenn ihm dieser Abend erspart bliebe. Aber um mit einer Absage nicht alle Beteiligten vor den Kopf zu stoßen, sollte er zumindest eine höfliche halbe Stunde durchhalten, ehe er sich ausklinken konnte. Außerdem kam Jack Sumarvati gerade in Sichtweite, um ihn in die Eingangshalle zu begleiten, in der man das Buffet aufgebaut hatte. Meo setzte ein zuvorkommendes Lächeln auf und ging dem Leiter der Universität entgegen.
Drei Stunden später wickelte Meo sich in den flauschigen, weißen Hotelbademantel ein und streckte sich auf dem Kingsize-Bett aus, mit dem seine Hotelsuite ausgestattet war. Der unsägliche Vortragsabend lag endlich hinter ihm. Er klopfte sich das Kopfkissen im Rücken zurecht und schaltete den Fernseher ein. Eine thailändische Nachrichtensendung mit einer ausnehmend attraktiven Moderatorin flimmerte über den 55 Zoll Bildschirm. Er zappte weiter und landete bei einer Dokumentation über Pinguine in der Antarktis, dann bei der Übertragung eines Golfturniers und schließlich in der Kampfszene eines asiatischen Actionfilmes, in der gerade eine Menge Kunstblut durch die Gegend spritzte.
Er ließ den Film weiterlaufen, schaltete den Fernseher aber auf stumm und nahm einen großen Schluck von dem Bourbon, den er in der Minibar gefunden hatte. Der Whisky entsprach zwar nicht seinem Geschmack, aber er beruhigte hoffentlich seinen aufgewühlten Geist, der seit Stunden um die Frage kreiste, was seinen peinlichen Zusammenbruch ausgelöst haben könnte.
Vor dem Vortrag hatte er sich doch ausgesprochen fit gefühlt. Er war spät aufgestanden, hatte ein leichtes Mittagessen im Hotelrestaurant eingenommen und sich in keiner Weise gestresst gefühlt. Vielleicht war der Kreislaufkollaps ja auf seine Schlafstörungen zurückzuführen, mit denen er sich neuerdings herumschlug. Entweder er schreckte nachts aus einem Albtraum hoch und wälzte sich dann bis zum Morgengrauen schlaflos im Bett herum oder er schlief gar nicht erst ein, weil ihm unentwegt irgendwelche Gedanken durch den Kopf jagten. Das Einzige, was zumindest zum Einschlafen immer zuverlässig half, war eine ordentliche Dosis Alkohol. Aber dann, wenn er endlich weggedämmert war, kamen wieder diese gottverfluchten Albträume!
Über den Bildschirm des Fernsehers flimmerte gerade der Abspann des Films. Meo schaltete den Fernseher aus und kippte den Rest seines Glases hinunter. Gut möglich, dass seine Schlafstörungen Teil eines beginnenden Stresssyndroms waren. Bei seinem mörderischen Arbeitspensum wäre das eigentlich kein Wunder. Und heute hatte sein überlasteter Organismus eben beschlossen, ihm die gelbe Karte zu zeigen, damit er endlich mal einen Gang runterschaltete.
Er goss sich den Rest der kleinen Whiskyflasche ein und ließ die Flüssigkeit im Glas kreisen. Wenn dem so sein sollte, wäre es wohl klüger, die Botschaft nicht länger zu ignorieren und die nächsten Monate versuchsweise das Tempo rauszunehmen. Ein paar Auslandsreisen weniger, dafür mehr Zeit zum Kochen und Essen und dreimal die Woche Sport konnten nicht schaden und wenn sich diese Maßnahmen positiv auf seine Befindlichkeit auswirkten, waren sie allemal der Mühe wert.
Er leerte sein Glas, löschte das Licht und kuschelte sich in sein Laken. Sobald er wieder zu Hause war, würde er damit beginnen, aber zuvor wartete morgen Mittag noch der Weiterflug nach Tokio auf ihn. Und bis dahin sollte er versuchen, ein paar Stunden zu schlafen.
Das Klingeln des Zimmertelefons riss Meo unsanft aus dem Schlaf. Er tastete mit geschlossenen Augen nach dem Hörer auf dem Nachttisch und presste ihn an sein Ohr.
»Good morning, Mr. Halden«, flötete eine unerträglich gut gelaunte Frauenstimme durch die Leitung. »This is your wake up call. It’s 6:45!«
»Thank you!« Er legte auf und ließ sich wieder in die Kissen sinken. Durch das geöffnete, bodentiefe Fenster seiner Suite wehte eine angenehm warme Morgenbrise zu ihm herein – wie üblich untermalt mit dem krächzenden Gehupe der Tuk-Tuks, die ihre Kunden Tag und Nacht mit halsbrecherischen Fahrmanövern durch den chaotischen Straßenverkehr der Stadt zu ihren Zielen karrten.
Er hob mühsam die schweren Lider und blinzelte gegen das aufdringliche Tageslicht an. Hinter seinem linken Auge pulsierte es schmerzhaft und er hatte rasenden Durst.
Wann war er letzte Nacht eigentlich ins Bett gekommen? Nachdem er trotz des Whiskys nicht hatte schlafen können, war er gegen halb eins noch mal losgezogen, um sich einen weiteren Schlummertrunk in der Black Velvet Bar zu gönnen, die nur wenige Gehminuten von seinem Hotel entfernt lag. Trotzdem hätte er zumindest so schlau sein können, vor dem ersten Cocktail eine Kleinigkeit zu essen und nach dem zweiten Cocktail den Heimweg anzutreten, zumal er auf dem Stehempfang in der Uni kaum einen Bissen heruntergebracht hatte.
Er hievte seine müden Knochen aus dem Bett, nahm sich eine Flasche Mineralwasser aus der Minibar und leerte sie in einem Zug, während er weiter ins Bad schlurfte. Vor dem ausladenden Kristallspiegel, der die gesamte Wand über dem Waschtisch bedeckte, hielt er inne. Er stützte sich mit den Armen am Waschbeckenrand ab und betrachtete sein Spiegelbild. Wer zur Hölle war eigentlich dieser Typ, der ihn da aus rotgeränderten, verquollenen Augen anglotzte? Der unerbittliche Kritiker, der immer sprungbereit in seinem Hinterkopf lauerte, kannte die Antwort: Nicht mehr als ein Schauspieler, der gelernt hat, in der Öffentlichkeit seine Rolle zu spielen! Damit ihm niemand in die Karten schauen kann. Damit man ihm seine Unzulänglichkeit und seine Bedeutungslosigkeit nicht ansieht.
Meo rieb sich die vor Übermüdung juckenden Augen. Verdammt nochmal! Ob er es nun wahrhaben wollte oder nicht, sein Schwächeanfall hatte ihm zum ersten Mal gezeigt, wie fragil der Schutzpanzer, den er sich zugelegt hatte, in Wirklichkeit war. Wie leicht zu durchbrechen, wie unzuverlässig! Aber wenn er nicht mehr mit seiner makellosen Performance punkten konnte, was blieb dann noch von ihm übrig? Nichts bleibt dann von dir übrig!, unkte der unerbittliche Kritiker in seinem Hinterkopf. Dann werden alle erkennen, was du in Wahrheit bist!
Auf einmal loderte eine unbändige Wut in Meo hoch, wie eine Stichflamme, in die man Brandbeschleuniger gekippt hatte, und ehe er wusste, was er tat, drosch seine Hand mit der Mineralwasserflasche auf den Spiegel ein. Scherben und Glassplitter spritzten ihm entgegen, regneten klirrend ins Waschbecken und stoben über den edlen Teakboden.
»Du verfluchtes Schlitzauge!«, hörte er sich in sein zerberstendes Spiegelbild brüllen. »Du bist nur ein erbärmlicher Bastard und was anderes wirst du auch nie sein!«
2
Tokio – 04. Juni 2003
Die Lifttüren des 238 Meter hohen Mori Towers öffneten sich lautlos. Meo holte tief Luft und trat ein. Hatte er vor einer halben Stunde erst die Fahrt vom 35. Stock seiner Hotelsuite hinunter ins Erdgeschoss überstanden, stand ihm jetzt bereits der nächste Höllenritt bevor. Aber zumindest war die Kabine halbwegs geräumig und unbesetzt. Das half ein wenig.
Er schloss die Augen und versuchte, sich geistig auf das bevorstehende Meeting zu fokussieren. Je besser ihm das gelang, desto stressfreier würde er diese neuerliche Fahrt überstehen. Liftfahrten waren für ihn purer Stress, aber im Ausland hatte er in den seltensten Fällen die Möglichkeit, auf eine Treppe auszuweichen. Abgesehen davon lagen die Konferenzräume, in denen er sich in fünfzehn Minuten mit den Produktverantwortlichen der Sony Corporation treffen würde, im 45. Stock. Es würde sich bestimmt nicht gut machen, wenn er mit qualmender Zunge, die er über den Boden hinter sich herschleifte, und wagenradgroßen Schweißflecken unter den Achseln seines Designersakkos in den Besprechungsraum wanken würde.
Als sich der Aufzug in Bewegung setzte, beschleunigte sich wie auf Kommando sein Puls. Er zwang sich, ruhig weiterzuatmen und rief sich die Bilder der neuesten Laptopserie ins Gedächtnis, zu der man ihn gleich um seine Einschätzung bitten würde, um sicherzustellen, dass das geplante Design auch dem westlichen Zeitgeist entsprach.
In der mit Edelstahl und Holz verkleideten Kabine war es bis auf ein dezentes Rauschen und seinen Herzschlag, der ihm angespannt in den Ohren pochte, absolut still. Im achten Stock stoppte der Fahrstuhl, um drei junge Japanerinnen in Businesskostümen zusteigen zu lassen, die ihn scheu anlächelten. Um ihnen Platz zu machen, sah Meo sich gezwungen, seinen Standort ganz vorne an der Tür aufzugeben und sich in den hinteren Teil der Fahrstuhlkabine zurückzuziehen. Er spürte, wie es unter seiner Kopfhaut zu kribbeln begann.
Nach einer gefühlten Ewigkeit schlossen sich die Türen wieder und die Reise ging weiter. Die jungen Frauen nahmen glücklicherweise keinerlei Notiz von ihm. Sie hatten ihm den Rücken zugewandt und tuschelten leise miteinander, während die grellroten Ziffern der Digitalanzeige über den Fahrstuhltüren auf 15 kletterten.
Das Kribbeln auf seiner Kopfhaut verstärkte sich und seine Hand, mit der er den Griff seines Aktenkoffers umklammerte, war feucht und eiskalt. Sein Verhalten war absolut lächerlich, das war ihm bewusst, aber seine Körperfunktionen schalteten trotzdem jedes Mal auf Autopilot, sobald er so ein Ding betrat. Dabei war er noch nie in einem Aufzug stecken geblieben, auch nicht in einer U-Bahn, oder einer Berggondel. Er hatte keine Ahnung, wo er sich diese peinlichen klaustrophobischen Anwandlungen eingefangen haben könnte.
Die 20 leuchtete auf. Der Fahrstuhl stockte, die Türen glitten auseinander. Die Frauengruppe trat nach draußen und ein alter, vornehm gekleideter Japaner mit Regenschirm und Hut gesellte sich zu ihm. Der Mann lächelte ihm freundlich zu und senkte dann höflich den Blick, um seine blank polierten Schuhspitzen zu betrachten.
Sie setzten sich wieder in Bewegung. Die Zahlen auf der Digitalanzeige schleppten sich mit nervenaufreibender Langsamkeit weiter. 21 …, 22 …, 23 …, während Meo aus dem Augenwinkel wahrnahm, wie der vornehme alte Herr verstohlen seinen Blick hob, um ihn im Schutz seiner Hutkrempe unauffällig zu beobachten.
28! Der Lift hielt erneut, öffnete seine Türen und präsentierte ihnen die Aussicht auf einen nüchternen, hallenartigen Bereich, von dem aus drei Rolltreppen nach oben zu emporenartigen Zwischengeschossen führten. Meo konnte fühlen, wie sich die ersten Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten, und er musste sich zwingen, nicht seinem Impuls nachzugeben und schreiend aus der Kabine zu rennen.
Niemand stieg ein. Die Türen glitten wieder zu. Es lagen noch immer vierzehn Stockwerke vor ihm. Die Zahlen auf der Digitalanzeige kletterten weiter: 31 …, 32 …, 33 …
Ein Schweißtropfen löste sich von seiner Stirn und rann ihm über die Schläfe. Er wischte ihn mit dem Daumen ab, ohne die Digitalanzeige des Liftes aus den Augen zu lassen. 36 …, 37 …, 38 … Plötzlich musste er husten. Irgendetwas kratzte in seinem Hals. Er schluckte, befühlte mit der Zunge seine Mundhöhle, hielt sich die Hand vor den Mund und hustete wieder. Als hätte er Holzstaub im Mund. Er sah sich in der sterilen, edelstahlverkleideten Aufzugkabine um. Wie konnte das sein und wo sollte der auf einmal herkommen? Durch die Belüftungsschlitze?
Der alte Herr hängte sich unterdessen den polierten Ebenholzgriff seines Regenschirms an den Unterarm, griff in die Innentasche seines dunkelgrauen Wollmantels und holte ein blütenweißes Stofftaschentuch hervor, das er Meo mit einem auffordernden Nicken entgegenstreckte.
In diesem Augenblick leuchtete die erlösende 45 auf. Der Lift stoppte, die Türen glitten auseinander und Meo schob sich an dem Taschentuch vorbei nach draußen, in einen großzügig angelegten Bistrobereich. Er atmete tief durch und lockerte seine verspannten Schultern. Die irritierenden Empfindungen und der Hustenreiz waren verflogen.
Er suchte die Toiletten auf, wusch sich Gesicht und Hände und kehrte danach in den Gastraum zurück. Inzwischen war es zwei Minuten vor 12 Uhr und Ogawa-san, der Sony-Verantwortliche für Product Development and Strategy, trat gerade aus einer Glastür am hinteren Ende des Raumes, um ihn abzuholen.
Am späten Nachmittag durchquerte Meo die Eingangshalle des Bürogebäudes und trat hinaus ins Freie. Der Himmel hatte sich inzwischen zugezogen und ein kühler Wind, der verdächtig nach Regen roch, hatte die warmen Frühlingstemperaturen, die tagsüber geherrscht hatten, im wahrsten Sinne des Wortes davongeblasen. Aber das machte nichts. Die Abkühlung tat gut nach dem langatmigen Meeting und der unausweichlichen Rückfahrt im Aufzug, die diesmal zumindest ohne zeitraubende Zwischenstopps verlaufen war.
Er schlug den Kragen seines Sakkos hoch und kämpfte sich durch die Masse an Japanern, die um diese Zeit wie Ameisen aus ihren Büros quollen, zurück zum Hotel. Was er jetzt brauchte, war eine Dusche und ein Glas Rotwein, ehe er sich in zwei Stunden mit seinen Geschäftspartnern zum Dinner in Minato traf.
Die Luft, die Meo in dem voll besetzten Grillrestaurant entgegenschlug, war heiß und stickig. Über allem hing ein durchdringender Grillgeruch, der ihm schlagartig das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Drei Kellner schlängelten sich beladen mit Tellern und Schalen durch die Tischreihen, um ihren Gästen rohen Fisch, Fleisch und Meeresfrüchte zu bringen, die diese im Anschluss an ihren mit gasbefeuerten Edelstahlgrills ausgestatteten Tischen selbst brutzeln würden.
Er warf einen Blick auf die mit Kreide geschriebenen Schriftzeichen auf der Schiefertafel, die an der roh gemauerten Stirnwand des Restaurants hing. Vermutlich die Speisekarte. Er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, wann immer er in Japan war, so viele Hinweistafeln, Straßenschilder und Karten wie möglich mithilfe seines Wörterbuches zu entziffern, und es auf diese Weise tatsächlich geschafft, sich ein paar Schriftzeichen einzuprägen. Nur leider kam auf dieser Tafel überhaupt nichts vor, was er wiedererkannte. Er gab sein Vorhaben auf und ließ sich von einem der Kellner zu seiner Tischgesellschaft führen.
Die einzige Frau in der Runde war eine ältere, elegant gekleidete Japanerin, die auffallend gewähltes Englisch sprach. Sie hatte an ihrem Geschäftsmeeting nicht teilgenommen, konnte aber auch nicht zu einem der hochrangigen Sony-Verantwortlichen hier am Tisch gehören, weil Ehefrauen an solchen Zusammenkünften niemals teilnahmen.
Sie wurde ihm von Ogawa-san als Sue Nashido-hakase vorgestellt und Meo wusste, dass der Zusatz hakase darauf verwies, dass sie einen Doktortitel besaß. Dr. Sue Nashido arbeitete als externe Beraterin in Sachen interkulturelle Kommunikation für den Konzern, hatte sich aber darüber hinaus als Expertin für Onomastik und Ahnenforschung einen Namen gemacht, wie Ogawa anmerkte.
Mit klopfendem Herzen nahm Meo ihr gegenüber am Tisch Platz und hoffte, dass man ihm seine Erregung nicht anmerkte. Wer hätte das gedacht? Er befand sich heute Abend tatsächlich in Gesellschaft einer leibhaftigen Namensforscherin. Wenn das keine schicksalhafte Fügung war!
Als sich Dr. Nashidos Sitznachbar, mit dem sie in ein angeregtes Gespräch vertieft gewesen war, nach dem Essen entschuldigte und den Tisch verließ, ergriff Meo seine Chance.
»Sumimasen, Nashido-hakase.« Er lächelte sie freundlich an. »Darf ich Sie etwas fragen?«
»Selbstverständlich, Halden-san.«
»Als wir uns vorgestellt wurden, hat Ogawa-san erwähnt, dass Sie sich mit Onomastik beschäftigen.«
»Das ist richtig.«
»Ich habe mich gefragt, ob Sie mir möglicherweise mit Ihrem Spezialwissen weiterhelfen könnten.« Sein Herzschlag beschleunigte sich.
»Worum geht es denn?« Sie legte anmutig die schmalen Hände übereinander und musterte ihn interessiert.
»Ich habe vor einigen Jahren Nachforschungen zu meiner unbekannten familiären Herkunft und zum Ursprung meines Namens angestellt. Leider ohne nennenswerten Erfolg«, sagte Meo. »Da Sie sicherlich über bedeutend weitreichendere Möglichkeiten der Recherche verfügen und sich Zugang zu Informationen beschaffen können, an die ich nie herankäme, habe ich mich gefragt, ob Sie mir nicht dabei helfen könnten, doch noch Licht ins Dunkel meiner Abstammung zu bringen.« Er unterdrückte den Impuls weiterzusprechen, um sie nicht ungebührlich zu bedrängen.
Dr. Nashido, die seiner Ansprache konzentriert gelauscht hatte, hielt einen Moment inne, ehe sie lächelnd nickte. »Ich werde gerne versuchen, Ihnen behilflich zu sein, Halden-san. Ehe ich jedoch zusammen mit meinem Team für Sie tätig werden kann, benötige ich einige Informationen von Ihnen. Falls Sie vor Ihrem Rückflug noch Zeit haben sollten, bin ich gerne bereit, Sie in Ihrem Hotel aufzusuchen, um alles Notwendige zu besprechen.«
»Ich danke Ihnen vielmals für Ihr Entgegenkommen, Nashido-hakase!«, erwiderte Meo. »Wäre morgen früh um zehn Uhr für Sie in Ordnung?«
Sie nickte. »10 Uhr passt ausgezeichnet!«
Meo holte sein silbernes Visitenkarten-Etui aus seiner Anzugtasche, klappte den Deckel auf und nahm eine Karte heraus. Danach klappte er den Deckel wieder zu, legte die Visitenkarte darauf und überreichte sie Dr. Nashido mit beiden Händen unter einer angedeuteten Verbeugung, wobei er darauf achtete, dass die Schrift aus ihrer Perspektive lesbar war. Dr. Nashido nahm seine Visitenkarte in Empfang, ebenfalls mit beiden Händen, und studierte sie höflich, ehe sie sie behutsam vor sich auf den Tisch legte.
»Mein Hotel ist leicht zu finden. Es liegt nicht weit von hier entfernt«, fügte Meo an, nahm die Karte seines Hotels aus der Brieftasche und reichte sie ihr in einem neuerlichen Ritual.
»Kein Problem«, erwiderte Nashido. »Ich kenne das Hotel.«
Um Punkt zehn Uhr am nächsten Morgen betrat Dr. Nashido das kleine, intime Frühstücksrestaurant, das im 36. Stock des ANA-Hotels lag und ausschließlich den Gästen aus den Executive Rooms vorbehalten war. Meo, der bereits einen Tisch für sie beide besetzt hatte, erhob sich, um ihr entgegenzugehen. Wie alt mochte die Japanerin sein? Mitte 50 oder Mitte 60? Auch Nashido hatte, wie die meisten Asiatinnen, eine zierliche, fast kindhafte Statur und ein erstaunlich glattes Gesicht.
Er hatte schon oft bemerkt, dass die Menschen in Asien anders alterten als die Menschen in Europa. Möglicherweise lag das weniger an den Genen als an der fehlenden Mimik. In einem Kulturkreis, in dem man öffentlich keine Emotionen zeigte, wurden die Gesichtsmuskeln vermutlich nicht allzu oft strapaziert. Wenn er in diese nahezu faltenfreien Gesichtszüge mit ihrer porenlosen, alabasterfarbenen Haut blickte, musste er jedes Mal an die alten Porzellanpuppen denken, für die Sammler in aller Welt ein kleines Vermögen zahlten.
Er blieb in angemessenem Abstand vor ihr stehen und beugte seinen Oberkörper. Dr. Nashido verbeugte sich ebenfalls vor ihm.
»Ich freue mich, dass Sie gekommen sind, Nashido-hakase. Danke, dass Sie sich Zeit für mich nehmen!« Er verneigte sich ein weiteres Mal und führte sie dann zu seinem Tisch.
»Wenn Sie erlauben, Halden-san, würde ich gerne zuerst Ihre Geschichte hören.« Die Japanerin zog ein schwarzes, ledergebundenes Notizbuch und einen eleganten, schwarzen Füller aus ihrer Handtasche und legte beides neben sich auf den Tisch. »Wie Sie mir gestern sagten, haben Sie bereits eigene Recherchen über Ihre familiäre Herkunft angestellt?«
»Ja, aber ich bin nicht sehr weit gekommen.« Er musste sich räuspern, um das aufgeregte Beben in seiner Stimme zu vertreiben. Dies war immerhin eine echte Premiere für ihn, das allererste Mal, dass er einer fremden Person freiwillig Einblicke in seine Vergangenheit gewährte. »Ich bin von Geburt an Vollwaise, müssen Sie wissen. Aufgewachsen in einem deutschen Kinderheim. Mutter und Vater unbekannt, der Ursprung meines Familiennamens nicht ermittelbar und Verwandtschaft scheint ebenfalls keine zu existieren. Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, wie belastend eine solche Ungewissheit ist, Nashido-hakase. Nicht zu wissen, wer man ist und woher man kommt. Streng genommen besitze ich überhaupt keine Identität. Ich fühle mich manchmal, als wäre ich ein Phantom!«
Nashido nickte stumm, wartete, dass er weitersprach.
»1991, also vor zwölf Jahren, habe ich mehrere deutsche Ämter kontaktiert, um an Informationen zu meiner Person zu kommen, und erfahren, dass das Kinderheim, in dem ich untergebracht war, nicht mehr existiert. Es ist 1989 in Rauch und Asche aufgegangen und mit ihm neunundzwanzig Kinder, zwei Erzieher sowie sämtliche Personalakten. Das angrenzende Waisenhaus und die Schule sind zwar von dem Feuer verschont geblieben, aber ebenfalls umgehend geschlossen worden, und wie durch ein Wunder waren auch dort keine Akten mehr auffindbar. Tja, und ein Jahr später hat dann ein Großinvestor den Grund erworben und eine luxuriöse Seniorenresidenz mit kleinem Schlosspark für zahlungskräftige Pensionäre errichtet.«
Im Zuge seiner Recherchen war er damals auf Presseberichte gestoßen, wonach sich kurz vor der Brandkatastrophe eine Reihe von ehemaligen Heimkindern zusammengeschlossen hatte, um gegen das Kinderheim zu klagen. Wegen körperlicher Misshandlung und sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener. Daraufhin hatte er versucht, sich vorzustellen, wie es wohl sein mochte, als eines dieser ehemaligen Heimkinder im Gerichtssaal zu stehen und wildfremden Leuten von all den Widerlichkeiten zu berichten, die man ihm angetan hatte. Wie die Zeitungen das Thema mit sensationslüsterner Genüsslichkeit ausschlachten und ihre Leser mit immer neuen Gruselgeschichten aus dem Horrorheim füttern würden, bis das öffentliche Interesse und das Mitleid für diese armen, bedauernswerten Opfer irgendwann erschöpft sein würde.
Ein Geschäftspartner hatte ihm einmal erzählt, dass die öffentliche Aufmerksamkeitsspanne für Katastrophenmeldungen nicht länger als fünf Tage betrug. Danach krähte schon kein Hahn mehr danach, die Schlagzeile wurde immer kleiner, rutschte nach unten und verschwand schließlich ganz von der Titelseite, weil sich mit den ollen Kamellen keine Auflage mehr erzielen ließ. Wobei das eigentlich Fatale an dieser Tatsache war, dass der Öffentlichkeit auf diese Weise suggeriert wurde, die Katastrophe hätte sich durch eine wundersame Fügung in wenigen Tagen in Luft aufgelöst. Welch ein Segen! Endlich konnten sich alle wieder den angenehmen Dingen des Lebens zuwenden, ohne sich angesichts der tragischen Schicksale der Opfer schlecht fühlen oder Mitleid und Betroffenheit heucheln zu müssen.
Abgesehen davon, was hätte er mit einem derart entwürdigenden, öffentlichen Auftritt gewonnen? Eine lächerliche Entschädigungszahlung? Eine Entschuldigung von offizieller Seite? Ein Jahr Psychotherapie auf Staatskosten? Und der Makel des schwer erziehbaren, psychisch gestörten Heimkindes? Der würde trotzdem für den Rest seines Lebens an ihm kleben bleiben, nur dass es nach dem Prozess auch noch alle Welt wüsste. Nein! Teil einer derartigen Inszenierung zu werden, war für ihn unvorstellbar gewesen. Dazu hatte er viel zu hart für sein neues Leben gearbeitet. Aus diesem Grund hatte er damals sein Vorhaben aufgegeben, sich in die Arbeit gestürzt und seine Karriere vorangetrieben. Das Erlebte war durch nichts rückgängig zu machen und am Ende musste ja doch jeder selbst sehen, wie er mit seinem Schicksal zurechtkam.
»Ich kann verstehen, wie quälend dieser Zustand für Sie sein muss, Halden-san«, sagte Nashido und holte ihn aus seinen Gedanken. »Ohne Wurzeln treiben wir haltlos durchs Leben wie Treibgut auf dem Meer und sind allen Stürmen und Widrigkeiten schutzlos ausgeliefert. Ein Mensch, der seinen Platz im Leben nicht kennt, wird ein ewig Suchender bleiben und stets Gefahr laufen, sich in den Erwartungen Anderer zu verlieren, anstatt seiner Berufung zu folgen. Und das ist ein unwürdiges und grausames Schicksal.« Sie lächelte. »Wenn Sie also möchten, werde ich mein Team anweisen, international für Sie zu recherchieren.«