Marietta Torda
Autorin
»Warum ich psychologische Entwicklungsromane schreibe?
Weil ich es unglaublich spannend finde, in die seelischen Abgründe eines Menschen einzutauchen, um herauszufinden, was ihn zu dem gemacht hat, der er ist.«
Roman
480 Seiten
Taschenbuch & E-Book
Mit 36 Jahren hat Meo Halden alles im Leben erreicht: Als international gefeierter Designer führt er in Italien ein Luxusleben. Doch seine Fassade reißt ein, als er eines Tages zusammenbricht. Was niemand ahnt: Hinter seiner Hochglanzfassade verbirgt sich eine dunkle Vergangenheit. Er ist im Kinderheim aufgewachsen, wo er täglich Gewalt, Demütigungen und Missbrauch erleben musste – traumatische Erinnerungen, die er mit Alkohol, Drogen und Affären auf Abstand hält.
Widerwillig muss Meo sich eingestehen, dass er Hilfe braucht und beginnt eine Therapie. Als er sich in dieser Zeit in die Kunststudentin Alessa verliebt und mit ihr Zukunftspläne schmiedet, scheint sich für ihn zum ersten Mal in seinem Leben das Blatt zum Guten zu wenden. Er ist überzeugt, die Dämonen seiner Kindheit nun endgültig besiegt zu haben.
Doch dann zerplatzen seine Träume und er steht wieder einmal vor dem Scherbenhaufen einer Liebe, die sich für ihn nicht erfüllt hat. Nur ist er jetzt fest entschlossen, um sein Glück zu kämpfen.
Wird es Meo diesmal gelingen, sich seiner Vergangenheit und seinen verdrängten Gefühlen zu stellen und endlich wahre Befreiung zu finden?
Wer gerne berührende und ergreifende Entwicklungsromane mit psychologischer Tiefe liest, kommt in diesem Roman voll auf seine Kosten. »Wehe wenn du fühlst« ist ein aufwühlendes Psychogramm über die zerstörerische Macht der Verdrängung, die heilende Kraft der Liebe und den Mut, sich für den richtigen Weg zu entscheiden.
dertherapeut ★ ★ ★ ★ ★
Bewertet auf Amazon am 25. Januar 2026
Ein Plädoyer für die lohnenswerte Arbeit an sich selbst!
Wunderbar, wie dieses Buch einen Menschen durch die Tiefen seiner seelischen Verletzungen begleitet, die nach Jahren der Verdrängung an die Oberfläche steigen. Was Traumata mit einem Menschen anrichten können wird hier mit großer Wärme geschildert, ebenso wie die gnadenlosen sozialen Verwerfungen, die dadurch entstehen.
Man leidet mit dem Protagonisten, manchmal ist er einfach ätzend, aber seinen Reifungsprozess mitzuerleben ist wie eine Achterbahnfahrt durch die eigenen Gefühle.
Ein mitreißendes, mitfühlendes Buch voll Wärme und Menschlichkeit.
Ich bin begeistert und hatte zwei sehr emotionale Tage.
Kaufen, lesen!
Juliane C. Ernst ★ ★ ★ ★ ★
Bewertet auf Amazon am 26. Januar 2026
Dramatisch und leidenschaftlich
Eine sehr spannende Geschichte mit einer außergewöhnlichen Storyline. Der dramaturgische Aufbau zieht dich als Leser tief in die Geschichte hinein und ich konnte echtes Mitgefühl für den armen Meo entwickeln. Ich hätte zu gerne gewusst, was wirklich mit seinen Eltern gewesen ist und warum sie ihn weggegeben haben. Die Kontraste zwischen seinem Hochglanzleben im Außen und den inneren Kämpfen sind sehr gut herausgearbeitet. Über die vielen Zusammenbrüche hinweg musste ich wirklich den Kopf schütteln, wie vernagelt der Protagonist war, bis er es endlich gecheckt hat. Für mich als psychologisch etwas versierteren Menschen unvollstellbar- aber genau darum geht es ja eben. Um das Erkennen und um das Wahrhaftigwerden, das Erlangen von Kongruenz.
Und man will unbedingt wissen, wie es weitergeht, die erste Hälfte habe ich direkt an einem Tag gelesen. Damit entfaltet die Geschichte einen starken Sog, der bis zur Auflösung anhält.
Antje N. ★ ★ ★ ★ ★
Bewertet auf Amazon am 27. Januar 2026
Ein wunderbarer Entwicklungsroman mit psychologischem Hintergrund
Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, das mich so berührt, interessiert und fasziniert hat. Ich habe es kaum noch aus der Hand gelegt und in einem Rutsch durchgelesen.
Da ich selbst traumatisierte Freunde habe, die sich selbst im Weg stehen, ihre Problematik nicht erkennen oder sich nicht an eine Aufarbeitung heranwagen, war der Entwicklungsweg von Meo für mich absolut realistisch dargestellt. Auch dass es mehrere Rückschläge auf seinem Weg der Aufarbeitung gab, fand ich gut, da einfach realistisch. Die Autorin hat die konträren Standpunkte in Streitgesprächen nachvollziehbar beschrieben und zeigt, wie schwer klärende Worte und Entschuldigungen fallen können.
Es ist ein Appell an uns alle, dass es nie zu spät ist, sich professionelle Hilfe zu holen, um alte Traumata aufzuarbeiten, sowohl für einen selbst, als auch sein betroffenes Umfeld. Es zeigt anschaulich, wie Alkoholismus nicht nur die eigene Person zerstört, sondern auch alles andere drumherum ruiniert: die Partnerschaft, Freundschaften, Arbeit, Gesundheit und das Bankkonto.
Die Autorin zeigt uns einfühlsam verschiedene Lösungswege aus vermeintlich ausweglosen Situationen.
Leseprobe »Wehe wenn du fühlst«
Prolog
Bayern – Kinderheim St. Elisabeth, 1975
Bartholomeos Magen krampfte sich zusammen. Er hielt die Luft an und presste die Lippen aufeinander, um zu verhindern, dass sich sein Mageninhalt auf die Tischplatte ergoss. Aber sein Mund öffnete sich trotzdem mit einem geräuschvollen Rülpser und stinkende, graubraune Kohlfasern spritzen über den Tisch.
»Scheiße!« Alfons Kowalczyk, der ihm gegenüber saß, rammte seinen Stuhl nach hinten und sprang auf. Er war von Frau Hartmann abkommandiert worden, dafür zu sorgen, dass Bartholomeo seinen Teller leer aß und nichts in der Backe zurückbehielt, um es später heimlich auszuspucken. Einige Spritzer der Kohlpampe waren auf seiner Nase, seiner Stirn und seinem verdreckten Hemd gelandet. Er wischte sich angewidert mit dem Ärmel übers Gesicht und knurrte leise: »Das wirst du mir noch büßen, du hinterhältiges Schlitzauge! Darauf kannst du einen lassen!« Dann sah er sich hilfesuchend nach Frau Hartmann um.
Die Erzieherin, die wie üblich nach dem Abendessen im Durchgang zur Küche stand, um die Säuberung des Speisesaals zu überwachen und den Küchentrupp zu befehligen, der inzwischen mit dem Abwasch beschäftigt war, nickte herablassend. »Du kannst gehen, Alfons. Ich kümmere mich darum!«
Der Pfleger gab einen Grunzer von sich, verpasste seinem Stuhl einen wütenden Tritt und stampfte aus dem Speisesaal.
Bartholomeo senkte den Kopf und starrte auf die Sauerei. Er wagte kaum zu atmen, geschweige denn, sich zu bewegen, aber er konnte das Knirschen von Frau Hartmanns Kreppsohlen hören, die sich seinem Platz näherten. Er wusste, was ihm bevorstand, und versuchte, sich innerlich darauf vorzubereiten.
»Damit kommst du mir nicht durch, das weißt du, oder?«, herrschte Frau Hartmann ihn an, packte sein Kinn und riss es nach oben.
Er nickte stumm.
»Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!«
Bartholomeo hob gehorsam den Blick und zwang sich, Frau Hartmann ins Gesicht zu sehen. Ihre tief in den Höhlen liegenden Augen sahen aus wie schmutzige Glasmurmeln. Sie hatten die gleiche schlammbraune Farbe wie die Brühe in der rostigen Regentonne neben dem alten Lagerschuppen, in der Laub, tote Insekten, aufgequollene Regenwürmer und wer weiß, was sonst noch vor sich hin faulte. Und plötzlich drängte sich ihm ein Bild auf, das er aus seinem Biologiebuch kannte: Die Fotografie einer zähnefletschenden Hyäne, die den Betrachter aus dunkel schimmernden, zu bösartigen Schlitzen verengten Augen anstierte. Frau Hartmann hatte den gleichen Furcht einflößenden Ausdruck in ihren zusammengekniffenen Glasmurmelaugen wie diese Hyäne. Hungrig, gierig und erbarmungslos.
»Und? Sind wir uns einig?«
Er nickte wieder.
»Gut!« Sie riss ihm den Löffel aus der Hand, kratzte sein halb verdautes Erbrochenes von der Tischplatte und rammte es ihm in den Rachen. »So – und jetzt runter damit!«
Bartholomeo würgte den schleimigen Brei hinunter, wobei er vermied, dabei zu atmen, um den Gestank und den ekelerregenden Geschmack erträglicher zu machen. Er musste seinen Magen unbedingt unter Kontrolle behalten, denn Frau Hartmann würde ihm seine Kotze so lange verabreichen, bis er sie bei sich behielt, egal wie lange es dauerte.
Aber dieser Umstand war nicht sein größtes Problem. Sein größtes Problem war Alfons!
Alfons Kowalczyk, der als Hilfspfleger und Mädchen für alles den Erzieherinnen zur Hand ging, hatte nämlich in jeder Hinsicht eine erschreckende Ähnlichkeit mit dem fliegenfressenden Diener von Nosferatu. Er hatte die gleiche gedrungene Statur, das gleiche breite Froschmaul und die gleichen unnatürlich hervorquellenden Augen. Nur dass sein teigiges Gesicht auch noch übersät war mit eitrigen Pusteln, an denen er ständig herumkratzte, bis sie wie hochrot entzündete Krater auf seinen Wangen, seiner Stirn und seiner Nase glühten. Darüber hinaus hatte er grundsätzlich schlechte Laune und wenn er doch einmal lachte, lief es einem kalt den Rücken hinunter, weil sein überdrehtes Gelächter wie das Gekreische eines Geisteskranken klang, der aus der Irrenanstalt entlaufen war.
Dazu kam noch, dass er entsetzlich stank. Nach altem Schweiß, Urin und kaltem Zigarettenqualm, nach Essensdünsten und fauligen Zähnen, weshalb alle vermieden, sich in seiner unmittelbaren Nähe aufzuhalten. Selbst die Erzieherinnen hielten geflissentlich Abstand zu ihm und drehten den Kopf zur Seite, wenn sich ein Gespräch mit ihm nicht vermeiden ließ.
Deshalb hieß er seit der Filmvorführung von Nosferatu – Phantom der Nacht bei den Kindern nur noch Der Fliegenfresser. Der Film, ein cineastisches Highlight, wie der Heimleiter Herr Bach betont hatte, war im vergangenen Jahr sein Weihnachtsgeschenk an alle Heimkinder gewesen und niemand hatte sich diesen Filmabend entgehen lassen. Sie hatten zwar keine Ahnung gehabt, was ein cineastisches Highlight war, aber alle hatten den Film gruselig gefunden. Einige von den Kleinen hatten sich sogar vor Angst in die Hosen gemacht.
Wobei das Problem mit Alfons nicht darin bestand, dass er so abstoßend war und nicht alle Tassen im Schrank hatte, weshalb Bartholomeo sich lebhaft vorstellen konnte, dass er tatsächlich Fliegen, Wanzen und Küchenschaben aufsammelte, um sie als kleine Leckerbissen zwischendurch zu verzehren. Das Beunruhigende an dem Fliegenfresser war, dass unter den Kindern Gerüchte kursierten, wonach er sich für spezielle Kandidaten gerne originelle Spielchen ausdachte.
Bartholomeo wusste zwar nicht, was er sich darunter vorstellen sollte, aber es klang beängstigend.
Zwei Stunden später rollte er sich unter seiner Bettdecke zusammen. Er hatte die Fütterung überstanden, ohne sich noch einmal zu erbrechen, und im Anschluss alle Tische und den Fußboden des Speisesaals geschrubbt, ehe Frau Hartmann ihm erlaubt hatte, ins Bett zu kriechen.
Er zog sich die Decke unters Kinn, starrte in die Finsternis und versuchte, nicht darüber nachzudenken, was ihm blühen mochte, wenn Alfons seine Drohung wahrmachte. Allein der Gedanke daran jagte ihm eine solche Angst ein, dass es in seinen Eingeweiden zu brodeln begann.
Das Licht im Schlafsaal erlosch. Ab jetzt waren Toilettengänge und Unterhaltungen bis zum Morgenappell untersagt. Der Junge neben ihm hustete verhalten, Bettfedern knarzten und dann war es still, bis auf das erstickte Schluchzen des neuen Erstklässlers, der letzte Woche das leere Bett am anderen Ende des Raumes bezogen hatte.
»Halt endlich die Fresse, oder soll ich zu dir rüberkommen?«, fauchte einer der Bettnachbarn des Erstklässlers. »Bei dem Geflenne kann ja kein Mensch schlafen!«
Das Schluchzen verstummte.
Bartholomeo schloss die Augen. Er konnte nur hoffen, dass an den Gerüchten über Alfons nichts dran war und dieser nur versucht hatte, ihm Angst einzujagen – was ihm auch bestens gelungen war.
Frau Hartmann würde doch niemals dulden, dass der Fliegenfresser sich über ihren Kopf hinweg eines ihrer Schäfchen schnappte, um mit ihm originelle Spielchen zu spielen. Alfons durfte ja nicht mal aufs Klo gehen, ohne sich vorher bei Frau Hartmann abzumelden.
»Aufstehen und mitkommen!«, zischte plötzlich eine Stimme in Bartholomeos Ohr. Fauliger Atem wehte ihm entgegen. »Und wehe, du gibst auch nur einen Mucks von dir!«
Ehe Bartholomeo wusste, wie ihm geschah, flog seine Bettdecke davon und eine Hand packte seinen Oberarm. Er wurde aus dem Bett gezerrt und von Alfons über die dunklen Flure des Kinderheims nach draußen auf den Hof geschleift.
Eisige, mit Graupeln vermischte Windböen schlugen Bartholomeo entgegen. Die gefrorenen Regentropfen, die wie scharfkantige Wurfgeschosse auf sein Gesicht und seine nackten Beine prasselten, durchnässten sein Nachthemd in Sekundenschnelle. Seine Gedanken rasten. Wo brachte ihn der Fliegenfresser hin?Was hatte er vor und warum kam niemand, um ihn daran zu hindern?
Er hatte nicht die geringste Vorstellung davon, was ihn erwartete. Aber er ahnte, dass die Gerüchte über den Fliegenfresser wohl doch der Wahrheit entsprachen. Denn so wie es aussah, begann gerade eines seiner originellen Spielchen und Bartholomeo war der Auserwählte, der daran teilnehmen durfte.
1
Bangkok – 02. Juni 2003
Pünktlich um 18 Uhr betrat Meo das Podium im großen Auditorium der staatlichen Silpakorn-Universität, die als eine der führenden Lehranstalten des Landes auf den Gebieten der Archäologie und der Schönen Künste galt. Der angenehm heruntergekühlte Hörsaal war bis auf den letzten Platz mit jungen Designstudenten gefüllt.
Er hatte für seinen Vortrag ein Ensemble aus dunkelgrauem Einreiher mit rotem Einstecktuch gewählt, dazu ein weißes Hemd und graue Budapester Schuhe. Lediglich auf die Krawatte hatte er wie immer verzichtet. Diese Dinger waren nicht nur spießig, sondern verliehen einem obendrein das Aussehen eines gewürgten Truthahns.
Man sollte die Wirkung der Kleidung einer Person nie unterschätzen. Sie war genau wie Auftreten, Sprache und Körperhaltung ein wichtiges Statement an die Außenwelt und für den ersten Eindruck gab es keine zweite Chance! Weshalb Meo auch nie verstehen würde, warum sich so viele Menschen so wenige Gedanken über ihr äußeres Erscheinungsbild machten und einige von ihnen es sogar fertigbrachten, ihr Leben in Jogginghosen und Schlappen zuzubringen.
»Danke, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind, Mr. Halden!« Jack Sumarvati, der Direktor der Universität, war zu ihm getreten. »Wir alle sind schon sehr gespannt auf Ihren Vortrag!« Er reichte Meo die Fernbedienung. »Mein Mitarbeiter hat Ihren Laptop schon an den Beamer angeschlossen. Wenn Sie möchten, können Sie sofort loslegen.«
»Sehr gerne, Mr. Sumarvati.«, sagte Meo und schenkte ihm ein zuvorkommendes Lächeln. »Lassen Sie uns beginnen.«
Der Unidirektor nickte zustimmend und tippte mit dem Finger auf sein Mikrofon. »Ladies and Gentlemen, darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten?«
Das Gemurmel im Auditorium verstummte.
»Bei unserem nächsten Gastredner handelt es sich um einen international gefragten Designer, der für uns extra aus Italien angereist ist. Er hat sich auf Interior-Design und Licht-Konzepte spezialisiert, die er für Businessgebäude, Flagship Stores und Luxushotelanlagen entwirft, und dafür schon eine Reihe von Preisen eingeheimst. So wie übrigens auch für einige seiner Tablewear-Kollektionen, die er in den Anfangsjahren seiner Designertätigkeit entworfen hat. Ich freue mich deshalb sehr, Ihnen heute Mr. Meo Halden präsentieren zu dürfen!«
Applaus brandete durchs Auditorium.
Meo trat nach vorne ins Licht. »Buonasera, signore e signori!« Er ließ seinen Blick durch die Reihen der Studenten schweifen.
»Diese angesehene Universität wurde 1943 von Corrado Feroci gegründet. Er kam aus Italien, genau wie ich. Daher betrachte ich es als eine ganz besondere Ehre, heute hier vor Ihnen über Design sprechen zu dürfen.« Er deutete lächelnd eine Verbeugung an. »Abgesehen davon bin ich mir sicher, dass meine Anreise um einiges komfortabler war als die Ferocis anno dazumal und deutlich schneller ebenfalls.«
Nach einer kurzen, launigen Einführung wechselte er zum eigentlichen Inhalt seines Themas. Er erhob die Stimme und modulierte seine sorgfältig gewählten Worte mit mehr Nachdruck, wobei er auf überflüssige Füllwörter und abgegriffene Floskeln verzichtete, da sie in einem perfekten Vortrag nichts zu suchen hatten. Ein guter Redner musste vielmehr in der Lage sein, leicht nachvollziehbare Verständnisbrücken zu bauen, um seine Zuhörer durchs Thema zu tragen, und diese Klaviatur beherrschte er aus dem Effeff.
»Gutes Design zeichnet sich durch Einfachheit aus.« Er drückte auf die Fernbedienung, um das Bild einer von Dieter Rams gestalteten, weißen Saftpresse auf die Beamerfläche zu holen. »Entscheidend ist das Weglassen von Attributen, die keine Funktion haben. Das ist nur unnötiges Blendwerk. Dieter Rams, der das revolutionäre Braun Design in Deutschland entwickelt hat, reduzierte deshalb radikal die Anzahl verschiedener Materialien und legte bei seinen Entwürfen das Augenmerk allein auf eine intuitiv leichte Bedienbarkeit. Dabei kamen so einzigartige Produkte heraus wie dieses hier!«
Er zog einen flachen, schwarzen Taschenrechner aus der Innentasche seines Jacketts und hielt ihn hoch. »Nichts Besonderes, werden Sie denken. Fast alle Rechner sehen heute so aus. Stimmt! Aber Rams hatte das Design bereits 1987 entworfen, also vor 16 Jahren! Dieser Taschenrechner wurde wie kaum ein anderes Produkt durch seine ikonische Gestaltung zu einem Wegbereiter und Impuls für die Formensprache vieler aktueller Gebrauchsgegenstände!« Er betätigte die Fernbedienung. Die Saftpresse verschwand und die Nahaufnahme einer Sonnenblumenblüte leuchtete auf.
Meo öffnete den Mund, um mit seinen Erläuterungen fortzufahren, brachte jedoch nicht mehr als ein dümmliches »Ähhh!« zustande. In seinem Kopf war plötzlich alles leer. Er starrte auf das Foto, aber sein Gehirncomputer hatte von einer Sekunde auf die andere sämtliche Denkprozesse offline geschaltet. In seinem Verstand glomm nicht einmal mehr ein vager Schimmer davon auf, was er zu der Sonnenblume hatte sagen wollen.
Herrgott nochmal! Dabei war sie doch eines seiner Standardbeispiele! Das durfte doch nicht wahr sein! Der erfolgreiche Halden stand auf der Bühne mit einem Blackout! Wie ein Schulkind an der Tafel, das die Fragen des Lehrers nicht beantworten kann, während im Hintergrund die Klassenkameraden schon hämisch zu kichern beginnen.
Er spürte, wie ihm kalter Schweiß aus allen Poren brach, sich auf seiner Stirn sammelte, auf seiner Oberlippe, unter den Achseln. Das hatte er nun von seinen anspruchsvollen Grundsätzen, bei Vorträgen niemals schriftliche Notizen zu verwenden und die Beschriftung der Folien so minimalistisch wie möglich zu halten.
Erste Schweißperlen lösten sich von seiner Stirn, rannen ihm über die Schläfen und brannten salzig in seinen Augen. Reiß dich zusammen, Halden! Denk nach. Zu welchem Thema wolltest du überleiten? Er atmete tief ein und studierte von Neuem das Foto, aber jemand hatte in den Gedächtniskammern seines Hirns das Licht ausgeschaltet.