Wehe wenn du fühlst

Meo Halden (36) ist ein international gefeierter Designer – eloquent, attraktiv, unangreifbar. Auf einem ehemaligen Weingut in Italien führt er ein sorgenfreies Luxusleben und kann sich seine Bettgespielinnen aussuchen, wie es ihm gefällt. Seine Hochglanzfassade hat nur einen Makel, den er aus Scham vor aller Welt geheim hält: Er ist in einem Kinderheim aufgewachsen, in dem er täglich Gewalt, Demütigungen und Missbrauch erleben musste – traumatische Erinnerungen, die er mit Alkohol und Drogen auf Abstand hält. Bis er eines Tages zusammenbricht und sich plötzlich eine Abwärtsspirale in Gang setzt, die nicht nur seine Existenz zu vernichten droht, sondern ihn auch zu einer Entscheidung zwingt, vor der er sich am meisten fürchtet: Er muss sich seiner Vergangenheit und seinen verdrängten Gefühlen stellen.

Als Meo sich in die Kunststudentin Alessa verliebt, scheint sich das Blatt für ihn endlich zum Guten zu wenden. Sie schmieden euphorische Zukunftspläne und er ist überzeugt, die Dämonen seiner Kindheit endgültig besiegt zu haben.

Doch dann zerplatzen seine Träume und wieder einmal steht er vor dem Scherbenhaufen einer Liebe, die sich für ihn nicht erfüllt hat – wie schon so oft in seinem Leben.

Nur ist er diesmal fest entschlossen, um sein Glück zu kämpfen.

Psychologischer Roman
572 Seiten
Taschenbuch & E-Book
Erscheinungsdatum 23. Oktober 2025

Buchcover mit Abbild eines menschlichen Kopfes, blauem Hintergrund und rotem Text, Titel 'Wehe wenn du fühlst' von Marietta Torda, psychologischer Roman.

Manchmal fordert die Liebe von uns den höchsten Preis 

– alles loszulassen, was uns schützt!

Kinder essen gemeinsam an einem Tisch

»Ich muss meine Kindheit mit niemandem besprechen! Erstens ist sie längst vorbei, und zweitens geht sie keinen etwas an!«

Ein Mensch steht auf einem Felsen an der Klippe, umgeben von einem dramatischen Himmel in Rot- und Orangetönen. Derzeit sieht es aus, als würde die Person die Spitze einer hohen Klippe betrachten.

»Jemandem zu vertrauen ist, als würde man von einer dreißig Meter hohen Klippe springen, ohne sich vorher zu vergewissern, dass das Wasser tief genug ist.«

Silhouette einer Hand, die gegen eine milchige Scheibe drückt, mit verschwommenem Schatten im Hintergrund.

»Er hatte schon vor Wochen aufgehört zu existieren. Übrig geblieben war nur eine leere Hülle, die atmete und Exkremente ausschied.«

Bewegtes Bild einer Frau in weißem Kleid auf schwarzem Hintergrund

»Verdammt! Wenn er an Alessa dachte, kam er sich vor wie ein Drogensüchtiger auf Entzug, der für ein bisschen Stoff seine Seele verkaufen würde.«

Nahaufnahme eines menschlichen Auges mit dunklem Augenlid und dichten Augenbrauen

»Du hast überhaupt keine Ahnung, was die Worte Liebe und Vertrauen bedeuten, weil sie dir nämlich
eine Scheißangst
einjagen.

Du ganz allein, Meo,
bist dein
ärgster Feind!«

Wehe wenn du fühlst – ein aufwühlendes Psychogramm
über die zerstörerische Macht der Verdrängung,
die heilende Kraft der Liebe
und den Mut,
sich für den richtigen Weg zu entscheiden.

Ein Mikrofon vor dunklem Hintergrund mit blauen und violetten Lichtakzenten.

Leseprobe

Prolog

Bayern – Kinderheim St. Elisabeth, 1975

Bartholomeos Magen krampfte sich zusammen. Er hielt die Luft an und presste die Lippen aufeinander, um zu verhindern, dass sich sein Mageninhalt auf die Tischplatte ergoss. Aber sein Mund öffnete sich trotzdem mit einem geräuschvollen Rülpser und stinkende, graubraune Kohlfasern spritzen über den Tisch.

»Scheiße!« Alfons Kowalczyk, die ihm gegenüber saß, rammte seinen Stuhl nach hinten und sprang auf. Er war von Frau Hartmann abkommandiert worden, dafür zu sorgen, dass Bartholomeo seinen Teller leer aß und nichts in der Backe zurückbehielt, um es später heimlich auszuspucken. Einige Spitzer der Kohlpampe waren auf seiner Nase, seiner Stirn und seinem verdreckten Hemd gelandet. Er wischte sich angewidert mit dem Ärmel übers Gesicht und knurrte leise: »Das wirst du mir noch büßen, du hinterhältiges Schlitzauge! Darauf kannst du einen lassen!« Dann sah er sich hilfesuchend nach Frau Hartmann um.

Die Erzieherin, die wie üblich nach dem Abendessen im Durchgang zur Küche stand, um die Säuberung des Speisesaals zu überwachen und den Küchentrupp zu befehligen, der inzwischen mit dem Abwasch beschäftigt war, nickte herablassend. »Du kannst gehen, Alfons. Ich kümmere mich darum!« 
Der Pfleger gab einen Grunzer von sich, verpasste seinem Stuhl einen wütenden Tritt und stampfte aus dem Speisesaal.

Bartholomeo senkte den Kopf und starrte auf die Sauerei. Er wagte kaum zu atmen, geschweige denn, sich zu bewegen, aber er konnte das Knirschen von Frau Hartmanns Kreppsohlen hören, die sich seinem Platz näherten. Er wusste, was ihm bevorstand und versuchte, sich innerlich darauf vorzubereiten.

»Damit kommst du mir nicht durch, das weißt du, oder?«, herrschte Frau Hartmann ihn an, packte sein Kinn und riss es nach oben. 
Er nickte stumm.

»Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!«, schrie sie.

Bartholomeo hob gehorsam den Blick und zwang sich, Frau Hartmann ins Gesicht zu sehen. Ihre tief in den Höhlen liegenden Augen sahen aus wie schmutzige Glasmurmeln. Sie hatten die gleiche schlammbraune Farbe wie die Brühe in der rostigen Regentonne neben dem alten Lagerschuppen, in der Laub, tote Insekten, aufgequollene Regenwürmer und wer weiß, was sonst noch vor sich hin faulte. Und plötzlich drängte sich ihm ein Bild auf, das er aus seinem Biologiebuch kannte. Die Fotografie einer zähnefletschenden Hyäne, die den Betrachter aus dunkel schimmernden, zu bösartigen Schlitzen verengten Augen anstierte. Frau Hartmann hatte den gleichen Furcht einflößenden Ausdruck in ihren zusammengekniffenen Glasmurmelaugen, wie diese Hyäne. Hungrig, gierig und erbarmungslos.

»Und? Sind wir uns einig?«
Er nickte wieder.

»Gut!« Sie riss ihm den Löffel aus der Hand, kratzte sein halb verdautes Erbrochenes von der Tischplatte und rammte es ihm in den Rachen. »So - und jetzt runter damit!«
Bartholomeo würgte den schleimigen Brei hinunter, wobei er vermied, dabei zu atmen, um den Gestank und den ekelerregenden Geschmack erträglicher zu machen. Er musste seinen Magen unbedingt unter Kontrolle behalten, denn Frau Hartmann würde ihm seine Kotze so lange verabreichen, bis er sie bei sich behielt, egal wie lange es dauerte. 
Aber dieser Umstand war nicht sein größtes Problem. Sein größtes Problem war Alfons!

Alfons Kowalczyk, der als Hilfspfleger und Mädchen für alles den Erzieherinnen zur Hand ging, hatte nämlich in jeder Hinsicht eine erschreckende Ähnlichkeit mit dem Fliegen fressenden Diener von Nosferatu. Er hatte die gleiche gedrungene Statur, das gleiche breite Froschmaul und die gleichen unnatürlich hervorquellenden Augen. Nur dass sein teigiges Gesicht auch noch übersät war mit eitrigen Pusteln, an denen er ständig herumkratzte, bis sie wie hochrot entzündete Krater auf seinen Wangen, seiner Stirn und seiner Nase glühten. Darüberhinaus hatte er grundsätzlich schlechte Laune und wenn er doch einmal lachte, lief es einem kalt den Rücken hinunter, weil sein überdrehtes Gelächter wie das Gekreische eines Geisteskranken klang, der aus der Irrenanstalt entlaufen war. Dazu kam noch, dass er entsetzlich stank. Nach altem Schweiß, Urin und kaltem Zigarettenqualm, nach Essensdünsten und fauligen Zähnen, weshalb alle vermieden, sich in seiner unmittelbaren Nähe aufzuhalten. Selbst die Erzieherinnen hielten geflissentlich Abstand zu ihm und drehten den Kopf zur Seite, wenn sich ein Gespräch mit ihm nicht vermeiden ließ.

Deshalb hieß er seit der Filmvorführung von Nosferatu – Phantom der Nacht bei den Kindern nur noch Der Fliegenfresser. Der Film, ein cineastisches Highlight, wie der Heimleiter Herr Bach betont hatte, war im vergangenen Jahr sein Weihnachtsgeschenk an alle Heimkinder gewesen und niemand hatte sich diesen Filmabend entgehen lassen. Sie hatten zwar keine Ahnung gehabt, was ein cineastisches Highlight war, aber alle hatten den Film gruselig gefunden. Einige von den Kleinen hatten sich sogar vor Angst in die Hosen gemacht.

Wobei das Problem mit Alfons nicht darin bestand, dass er so abstoßend war und nicht alle Tassen im Schrank hatte, weshalb Bartholomeo sich lebhaft vorstellen konnte, dass er tatsächlich Fliegen, Wanzen und Küchenschaben aufsammelte, um sie als kleine Leckerbissen zwischendurch zu verzehren. Das Beunruhigende an dem Fliegenfresser war, dass unter den Kindern Gerüchte kursierten, wonach er sich für spezielle Kandidaten gerne originelle Spielchen ausdachte. 
Bartholomeo wusste zwar nicht, was er sich darunter vorstellen sollte, aber es klang beängstigend.

Zwei Stunden später rollte er sich unter seiner Bettdecke zusammen. Er hatte die Fütterung überstanden, ohne sich noch einmal zu erbrechen, und im Anschluss alle Tische und den Fußboden des Speisesaals geschrubbt, ehe Frau Hartmann ihm erlaubt hatte, ins Bett zu kriechen. 
Er zog sich die Decke unters Kinn, starrte in die Finsternis und versuchte, nicht darüber nachzudenken, was ihm blühen mochte, wenn Alfons seine Drohung wahrmachte. Allein der Gedanke daran jagte ihm eine solche Angst ein, dass es in seinen Eingeweiden zu brodeln begann.

Das Licht im Schlafsaal erlosch. Ab jetzt waren Toilettengänge und Unterhaltungen bis zum Morgenappell untersagt. Der Junge neben ihm hustete verhalten, Bettfedern knarzten und dann war es still, bis auf das erstickte Schluchzen des neuen Erstklässers, der letzte Woche das leere Bett am anderen Ende des Raumes bezogen hatte.

»Halt endlich die Fresse, oder soll ich zu dir rüberkommen?«, fauchte einer der Bettnachbarn des Erstklässlers. »Bei dem Geflenne kann ja kein Mensch schlafen!« 
Das Schluchzen verstummte.

Bartholomeo schloss die Augen. Er konnte nur hoffen, dass an den Gerüchten über Alfons nichts dran war und dieser nur versucht hatte, ihm Angst einzujagen – was ihm auch bestens gelungen war. 
Frau Hartmann würde doch niemals dulden, dass der Fliegenfresser sich über ihren Kopf hinweg eines ihrer Schäfchen schnappte, um mit ihm originelle Spielchen zu spielen. Alfons durfte ja nicht mal aufs Klo gehen, ohne sich vorher bei Frau Hartmann abzumelden.

»Aufstehen und mitkommen!«, zischte plötzlich eine Stimme in Bartholomeos Ohr. »Und wehe, du gibst auch nur einen Mucks von dir!« 
Ehe Bartholomeo wusste, wie ihm geschah, flog seine Bettdecke davon und eine Hand packte seinen Oberarm. Er wurde aus dem Bett gezerrt und von Alfons über die dunklen Flure des Kinderheims nach draußen auf den Hof geschleift.

Eisige, mit Graupeln vermischte Windböen schlugen Bartholomeo entgegen. Die gefrorenen Regentropfen, die wie scharfkantige Wurfgeschosse auf sein Gesicht und seine nackten Beine prasselten, durchnässten sein Nachthemd in Sekundenschnelle.
 Seine Gedanken rasten. Wo brachte ihn der Fliegenfresser hin? Was hatte er vor und warum kam niemand, um ihn daran zu hindern?

Er hatte nicht die geringste Vorstellung davon, was ihn erwartete. Aber er ahnte, dass die Gerüchte über den Fliegenfresser wohl doch der Wahrheit entsprachen. Denn so wie es aussah, begann gerade eines seiner originellen Spielchen und Bartholomeo war der Auserwählte, der daran teilnehmen durfte.

1

Bangkok – 02. Juni 2003

Pünktlich um achtzehn Uhr betrat Meo das Podium im großen Auditorium der staatlichen Silpakorn-Universität, die als eine der führenden Lehranstalten des Landes auf den Gebieten der Archäologie und der Schönen Künste galt. Der angenehm heruntergekühlte Hörsaal war bis auf den letzten Platz mit jungen Designstudenten gefüllt.

Er hatte für seinen Vortrag ein Ensemble aus dunkelgrauem Einreiher mit rotem Einstecktuch gewählt, dazu ein weißes Hemd und graue Budapester Schuhe. Lediglich auf die Krawatte hatte er wie immer verzichtet. Diese Dinger waren nicht nur spießig, sondern verliehen einem obendrein das Aussehen eines gewürgten Truthahns.

Man sollte die Wirkung der Kleidung einer Person nie unterschätzen. Sie war genau wie Auftreten, Sprache und Körperhaltung ein wichtiges Statement an die Außenwelt und für den ersten Eindruck gab es keine zweite Chance! Weshalb er auch nie verstehen würde, warum sich so viele Menschen so wenige Gedanken über ihr äußeres Erscheinungsbild machten und einige von ihnen es sogar fertigbrachten, ihr Leben in Jogginghosen und Schlappen zuzubringen.

»Danke, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind, Mr. Halden!« Jack Sumarvati, der Direktor der Universität, war zu ihm getreten. »Wir alle sind schon sehr gespannt auf Ihren Vortrag!« Er reichte Meo die Fernbedienung. »Mein Mitarbeiter hat Ihren Laptop schon an den Beamer angeschlossen. Wenn Sie möchten, können Sie sofort loslegen.«

»Sehr gerne, Mr. Sumarvati.«, sagte Meo und schenkte ihm ein zuvorkommendes Lächeln. »Lassen Sie uns beginnen.«

Der Unidirektor nickte zustimmend und tippte mit dem Finger auf sein Mikrofon. »Ladies and Gentlemen, darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten?« 
Das Gemurmel im Auditorium verstummte.

»Bei unserem nächsten Gastredner handelt es sich um einen international gefragten Designer, der für uns extra aus Italien angereist ist. Er hat sich auf Interior-Design und Licht-Konzepte spezialisiert, die er für Businessgebäude, Flagship Stores und Luxushotelanlagen entwirft, und dafür schon eine Reihe von Preisen eingeheimst. So wie übrigens auch für einige seiner Tablewear-Kollektionen, die er in den Anfangsjahren seiner Designertätigkeit entworfen hat. Ich freue mich deshalb sehr, Ihnen heute Mr. Meo Halden präsentieren zu dürfen!« 
Applaus brandete durchs Auditorium.

Meo trat nach vorne ins Licht. »Buonasera, signore e signori!« Er ließ seinen Blick durch die Reihen der Studenten schweifen.

»Diese angesehene Universität wurde 1943 von Corrado Feroci gegründet. Er kam aus Italien, genau wie ich. Daher betrachte ich es als eine ganz besondere Ehre, heute hier vor Ihnen über Design sprechen zu dürfen.« Er deutete lächelnd eine Verbeugung an. »Abgesehen davon bin ich mir sicher, dass meine Anreise um einiges komfortabler war, als die Ferocis anno dazumal und deutlich schneller ebenfalls.«

Nach einer kurzen, launigen Einführung wechselte er zum eigentlichen Inhalt seines Themas. Er erhob die Stimme und modulierte seine sorgfältig gewählten Worte mit mehr Nachdruck, wobei er auf überflüssige Füllwörter und abgegriffene Floskeln verzichtete, da sie in einem perfekten Vortrag nichts zu suchen hatten. Ein guter Redner musste vielmehr in der Lage sein, leicht nachvollziehbare Verständnisbrücken zu bauen, um seine Zuhörer durchs Thema zu tragen, und diese Klaviatur beherrschte er aus dem Effeff.

»Gutes Design zeichnet sich durch Einfachheit aus.« Er drückte auf die Fernbedienung, um das Bild einer von Dieter Rams gestalteten, weißen Saftpresse auf die Beamerfläche zu holen »Entscheidend ist das Weglassen von Attributen, die keine Funktion haben. Das ist nur unnötiges Blendwerk. Dieter Rams, der das revolutionäre Braun Design in Deutschland entwickelt hat, reduzierte deshalb radikal die Anzahl verschiedener Materialien und legte bei seinen Entwürfen das Augenmerk allein auf eine intuitiv leichte Bedienbarkeit. Dabei kamen so einzigartige Produkte heraus wie dieses hier!«

Er zog einen flachen, schwarzen Taschenrechner aus der Innentasche seines Jacketts und hielt ihn hoch. »Nichts Besonderes, werden Sie denken. Fast alle Rechner sehen heute so aus. Stimmt! Aber Rams hatte das Design bereits 1987 entworfen, also vor 16 Jahren! Dieser Taschenrechner wurde wie kaum ein anderes Produkt durch seine ikonische Gestaltung zu 
einem Wegbereiter und Impuls für die Formensprache vieler aktueller Gebrauchsgegenstände!« Er betätigte die Fernbedienung. Die Saftpresse verschwand und die Nahaufnahme einer Sonnenblumenblüte leuchtete auf.

Meo öffnete den Mund, um mit seinen Erläuterungen fortzufahren, brachte jedoch nicht mehr als ein dümmliches »Ähhh!« zustande. In seinem Kopf war plötzlich alles leer. 
Er starrte auf das Foto, aber sein Gehirncomputer hatte von einer Sekunde auf die andere sämtliche Denkprozesse offline geschaltet. In seinem Verstand glomm nicht einmal mehr ein vager Schimmer davon auf, was er zu der Sonnenblume hatte sagen wollen.

Herrgott nochmal! Dabei war sie doch eines seiner Standardbeispiele. Das durfte doch nicht wahr sein! Der erfolgreiche Halden stand auf der Bühne mit einem Black Out! Wie ein Schulkind an der Tafel, das die Fragen des Lehrers nicht beantworten kann, während im Hintergrund die Klassenkameraden schon hämisch zu kichern beginnen.

Er spürte, wie ihm kalter Schweiß aus allen Poren brach, sich auf seiner Stirn sammelte, auf seiner Oberlippe, unter den Achseln. Das hatte er nun von seinen anspruchsvollen Grundsätzen, bei Vorträgen niemals schriftliche Notizen zu verwenden und die Beschriftung der Folien so minimalistisch wie möglich zu halten.

Erste Schweißperlen lösten sich von seiner Stirn, rannen ihm über die Schläfen und brannten salzig in seinen Augen. Reiß dich zusammen, Halden! Denk nach. Zu welchem Thema wolltest du überleiten? Er atmete tief ein und studierte von Neuem das Foto, aber jemand hatte in den Gedächtniskammern seines Hirns das Licht ausgeschaltet.

Ok! Dann musste er eben so tun, als gehörte das zum Programm. Er wandte sich lächelnd an sein Publikum, das in erwartungsvoller Stille auf seine nächsten Sätze wartete, und machte eine lässige Handbewegung, um den Studenten zu bedeuten, dass sie sich noch einen Moment gedulden sollten. Ganz so, als wollte der Maestro eine kleine, dramaturgische Kunstpause einlegen, um seine Zuhörer im Anschluss mit einem Knaller zu überraschen. Dabei kam er sich vor wie ein Hochstapler, der mit Taschenspielertricks davon abzulenken versuchte, dass er nicht mal eine Fliege aus dem Hut zaubern konnte.

Meo drehte sich zurück zur Leinwand und studierte mit wachsender Anspannung und pochendem Herzen die spiralförmig angeordneten Blütenstände der Sonnenblume, deren Färbung von ätherischem lindgrün bis zu sattem goldgelb reichte. Aber es flammte keine erlösende Glühbirne auf, die Licht ins Dunkel seines Erinnerungsvermögens gebracht hätte. Die ihm die beruhigende Gewissheit gegeben hätte, dass der Stromausfall in den elektrischen Leitungen seiner Gehirnwindungen nur eine unbedeutende, vorübergehende Spannungsschwankung gewesen war.

Stattdessen begannen sich plötzlich die Blütenblätter der Sonnenblume zu kräuseln, als würde er sie durch eine vom Wind bewegte Wasseroberfläche betrachten. Und sogleich gerieten auch die winzigen Blütenstände, die eben noch friedlich in ihrem kreisrunden, goldgelb gesäumten Bett geschlummert hatten, in Bewegung. Sie lösten sich aus ihren sorgfältig arrangierten Positionen und wirbelten herum wie die fliegenden Röcke türkischer Derwische.

Verdammt, was war denn nur auf einmal los mit ihm? Meo wischte sich den Schweiß aus den Augen, während eine Welle der Übelkeit über ihn hinweg schwappte und es in seinen Eingeweiden unheilvoll zu rumoren begann. Er stützte sich mit den Armen auf den Oberschenkeln ab, um nicht umzukippen, und pumpte keuchend gegen seinen rasenden Herzschlag an, während er ein Stoßgebet gen Himmel schickte. Bitte mach, dass ich nicht hier auf der Bühne zusammenklappe! Lass nicht zu, dass ich mich in aller Öffentlichkeit übergebe oder noch schlimmer, dass mein Darm sich selbstständig macht. Hilf mir! Bitte! Nur dieses eine Mal!
Aus dem Auditorium war jetzt leises Murmeln und Raunen zu hören.

»Mr. Halden?« Jemand berührte ihn an der Schulter. »Was ist mit Ihnen? Geht es Ihnen nicht gut?« 
Jack Sumarvati hielt ihm ein Glas Wasser und eine Papierserviette hin. »Sollen wir eine Pause machen?«

»Nicht nötig!« Meo richtete sich immer noch keuchend auf, griff dankbar nach dem Glas, stürzte den kühlen Inhalt hinunter und wischte sich mit der Serviette das schweißnasse Gesicht ab. »Es geht schon wieder. Ist wahrscheinlich nur die Hitze.«