Leseprobe »Elsa«

»Mit Elsa war ich zum ersten Mal wirklich glücklich!« 
Über Jan Kepplers Gesicht huschte ein verzücktes Strahlen. »Sie war die Liebe meines Lebens!« Er wandte den Kopf und starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Die violetten Schatten unter seinen Augen ließen sein bleiches Gesicht krank und ausgezehrt erscheinen. Er wirkte zu Tode erschöpft, als hätte er seit Tagen nicht mehr geschlafen.

Dr. Asadi erwiderte nichts, wartete geduldig darauf, dass er weitersprach.

»Wissen Sie«, fuhr Keppler nach einer Weile fort, ohne den Blick vom Fenster abzuwenden, »Frauen haben die Macht, uns in den Himmel aufsteigen zu lassen oder uns in den Dreck zu treten!« Seine Lippen verzogen sich zu einem wehmütigen Lächeln. »Mit Elsa durfte ich über den Sternen schweben!«

Asadi musste unwillkürlich mitlächeln. Ja, diesen magischen Glückszustand hatte er auch schon einmal erlebt – im wahrsten Sinne des Wortes. Aber das war lange her! In einem anderen Leben, zu einer anderen Zeit. Damals, als seine Frau Rahel ihm nach Wochen des Zierens zum ersten Mal erlaubt hatte, sie zu küssen. Da hatte er sich gefühlt, als würden ihre eng umschlungenen Leiber eingehüllt in das Licht des Vollmondes in den Nachthimmel aufsteigen und den Sternen entgegenschweben. Eine geradezu transzendente Erfahrung, die sich danach nie wieder bei ihm eingestellt hatte. Nichtsdestotrotz oder vielleicht gerade deswegen hatte er diesen kostbaren Moment in seinem Gedächtnis aufbewahrt und ihn sich manchmal nach besonders erbitterten Wortgefechten mit seiner Frau in Erinnerung gerufen, um nicht zu vergessen, was sie ihm einmal bedeutet hatte. 
Asadi mahnte sich zur Ordnung, schob die Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf seinen Klienten, der zusammengesunken vor sich hinstarrte. »Wollen Sie mir erzählen, wie Sie Elsa kennengelernt haben, Herr Keppler?«

»Übers Internet!«, erwiderte Keppler und war plötzlich wieder voll bei der Sache.

»Aha? Und wie muss ich mir das vorstellen?« Asadi hob bedauernd die Schultern. »Ich bin seit dreiunddreißig Jahren verheiratet und deshalb in Internetdating leider so gar nicht bewandert.«

»Ach, das ist ganz einfach!«, erklärte Keppler bereitwillig. »Sie rufen eine einschlägige Site auf und schauen sich, sozusagen in einem virtuellen Katalog, Fotos von Frauen an. Natürlich können Sie vorher über eine Auswahlfunktion Ihre Vorlieben eingeben, wenn Sie das möchten. Also Haarfarbe, Hautfarbe, Figur, Körbchengröße und so weiter.«

»Interessant!«, sagte Asadi. »Und wie lange haben Sie gebraucht, um Elsa zu finden?«

»Nicht lange!« Keppler strahlte ihn an. »Ich hab sie gesehen und sofort gewusst, dass sie die Richtige ist!«

»Und wie ging es weiter?«, erkundigte sich Asadi.

»Wir haben per E-Mail ein Treffen vereinbart.« Kepplers Wangen röteten sich vor Erregung. »Anfangs habe ich noch überlegt, ob ich Elsa für unser erstes Date in ein schickes Restaurant ausführen sollte. Aber da hat man ja nie genug Privatsphäre für intime Gespräche. Deshalb habe ich sie zu mir nach Hause eingeladen, ein stilvolles Abendessen mit Blumen und jeder Menge Kerzen vorbereitet und eine Flasche Champagner kaltgestellt.« Er lächelte verlegen. »Na ja, Sie wissen schon! Auf was Frauen eben so stehen!«

»Und?« Asadi hob scherzhaft eine Augenbraue. »Lassen Sie mich raten! Der Abend war ein voller Erfolg!«

»Allerdings!«, rief Keppler aus und rutschte wie ein aufgeregtes Kind auf seinem Stuhl herum. »Nach ein paar anfänglichen Bedenken ist sie sogar über Nacht geblieben!« Er hielt plötzlich inne. Offenbar war ihm gerade ein Gedanke durch den Kopf geschossen, der ihn zum Schmunzeln brachte.

»Viele Frauen glauben ja, dass sie sich auf gar keinen Fall gleich in der ersten Nacht von einem Kerl ins Bett kriegen lassen dürfen«, fuhr er schließlich in verschwörerischem Ton fort. »Zumindest, wenn sie nicht als Schlampe dastehen wollen. Und da ist auch was dran! Aber wenn von der ersten Sekunde an auf beiden Seiten echte, tiefe Gefühle vorhanden sind, dann kann man doch auf derlei taktische Spielchen verzichten. Oder was meinen Sie, Dr. Asadi?«

»Ja, das sehe ich genauso!«, bestätigte Asadi.

»Wissen Sie, mit Margo war das alles ganz anders!« Jan Kepplers Miene verdüsterte sich, der weiche Ausdruck in seinen Augen löste sich auf. »Meine Ehe mit ihr war ein einziges taktisches Schlachtfeld.«

»Inwiefern?«, fragte Asadi.

»Als Margo wenige Wochen nach unserer Hochzeit feststellte, dass sie schwanger war, verwandelte sie sich praktisch über Nacht in eine andere Person«, erwiderte Keppler. »Sie rastete plötzlich wegen jeder Kleinigkeit aus und bewegte sich den ganzen Tag nicht mehr vom Fernseher weg. Obwohl es ihr gesundheitlich hervorragend ging, musste ich vom ersten Tag ihrer Schwangerschaft an den Haushalt ganz alleine schmeißen und von Sex«, er schnaubte frustriert, »konnte ich nur noch träumen! Aber so richtig schlimm wurde es erst, als ihr Bauch sichtbar zu wachsen begann. Ab da steigerte Margo sich nämlich in die fixe Idee hinein, ich würde sie mit anderen Frauen betrügen, weil sie mit ihrer unförmigen Babywampe wie eine fette, hässliche Kuh aussehen würde. Und daran war natürlich nur ich schuld! Weil ich sie geschwängert hatte!« Keppler schüttelte gedankenverloren den Kopf. »Dabei fand ich sie noch genauso wunderschön wie am ersten Tag und liebte sie auch kein bisschen weniger! Aber egal, was ich auch unternahm, um sie von meiner Liebe zu überzeugen, sie glaubte mir nicht. Stattdessen hat sie geschrien und getobt wie eine Furie, hat mich bespuckt, mit Füßen nach mir getreten und mich mit einem Ledergürtel traktiert!« Er senkte den Blick und presste die Lippen aufeinander, bis sein Mund nur noch aus einem blutleeren Schlitz bestand. »Einmal«, schob er mit bebender Stimme nach, »ist sie sogar mit dem Küchenmesser auf mich losgegangen!«

»Haben Sie sich denn gar nicht gewehrt?«, fragte Asadi.

»Wie denn?« Keppler sah ihn ratlos an. »Margo war doch mit Leonie schwanger! Und sechs Wochen nach Leonies Geburt schon wieder mit Tim!«

Asadi runzelte fragend die Stirn. »Sagten Sie nicht, sie hätten keinen Sex mehr mit ihrer Frau gehabt?«

»Ja, stimmt. Bis auf dieses eine Mal! Margo war an dem Abend ziemlich betrunken gewesen und ausnahmsweise einmal in Feierlaune.« Jan Keppler stieß ein gequältes Lachen aus. »Ich dachte wirklich, es würde mir an diesem Abend endlich gelingen, ihr zu beweisen, wie begehrenswert ich sie noch immer fand!«

Asadi nickte mitfühlend. »Klingt, als hätten Sie Ihre Frau nicht überzeugen können?«

Keppler schüttelte den Kopf und sank wieder in sich zusammen. »Ich konnte ihr überhaupt nichts mehr recht machen. Mein Gehalt war zu mickrig, ich machte abstoßende Geräusche beim Essen, war zu selten zu Hause oder hockte ihr zu sehr auf der Pelle. Vor allem aber«, er sog scharf die Luft ein, »war ich nicht in der Lage, ihre verfluchten Gedanken zu lesen! Ich hätte Hellseher sein müssen, um vorherzusehen, was sie jede einzelne verfickte Sekunde von mir erwartete!«

»Hat Ihre Frau Sie oft geschlagen?«

Jan Keppler nickte kaum merklich, während er auf seine abgekauten Fingernägel starrte.

»Haben Sie versucht, mit ihr zu reden?«

»Und ob!« Keppler hob den Kopf und funkelte Asadi mit zusammengekniffenen Lidern an. »Aber zuhören war nicht gerade Margos Stärke und sich einzugestehen, dass sie an unseren Beziehungsproblemen schuld war, erst recht nicht! Stattdessen hat sie irgendwas von Emanzipation gefaselt. Und genau das, Dr. Asadi, ist das Problem!«

»Was ist denn an der Emanzipation Ihrer Meinung nach so verwerflich?«, erwiderte Asadi.

Keppler stemmte die Arme auf seine Oberschenkel und musterte ihn entrüstet. »Ist Ihnen das tatsächlich noch nicht aufgefallen?«

»Was denn?«

»Schon gut.« Keppler winkte ab. »Sie gehören einer anderen Generation an und sind außerdem zu lange verheiratet. Da wissen Sie natürlich nicht, wie die jungen Frauen von heute so ticken. Aber ich werde es Ihnen sagen!« Sein Gesichtsausdruck wurde hart. »Emanzen wollen keine Männer, sondern eierlegende Wollmilchsäue!«

Asadi musste sich ein belustigtes Grinsen verkneifen. Keppler hatte nicht ganz unrecht. Der Traum von einem Beziehungssuperhelden, der intuitiv jede Sehnsucht und jedes Bedürfnis des Partners erfüllen konnte, hielt sich tatsächlich erstaunlich hartnäckig in den Köpfen vieler Menschen, aber das waren beileibe nicht nur Frauen!

»Solange diese Emanzenweiber von uns erobert werden wollen«, schwadronierte Keppler unterdessen weiter, »erwarten sie, dass wir den testosterongesteuerten Macho raushängen lassen; mit eindrucksvollem Muskelspiel und Dauerlatte! Sobald sie uns aber nach der Hochzeit an die Kette gelegt haben, beginnen sie mit der Gehirnwäsche!« Seine Stimme schraubte sich nach oben. »Dann werden wir gnadenlos umerzogen, bis sie uns zu Fußabtretern degradiert haben! Die Emanzipation, Dr. Asadi, macht uns Männer zu rechtlosen Kastraten!«

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