Hanna presste ihr Ohr an die Tür und lauschte. 
Die Geräusche im Schlafzimmer waren verstummt. Sie machte kehrt, schlich auf Zehenspitzen zurück ins Wohnzimmer und nahm wieder ihren Beobachtungsposten am Nähtisch ein, von wo aus sie die Tür jenseits des schmalen, dunklen Flurs am besten im Auge behalten konnte.

Sie legte die Hände vor sich auf die Tischplatte und begann von Neuem, den blutigen Schorf entlang der Ränder ihrer Fingernägel abzuschaben. Diese ekelhafte Marotte, sich die Nagelhaut aufzukratzen, bis die Hautfetzen groß genug waren, um sie mit den Fingernägeln oder Zähnen packen und abreißen zu können, begleitete sie schon seit ihrer Kindheit. Da es mittlerweile keine Haut mehr gab, die sich abziehen ließ, musste sie sich mit dem Wegkratzen des Wundschorfes begnügen.

Hanna hob ihre Hände und betrachtete sie im Schein der Nählampe. Die Nägel waren allesamt von blutverkrusteten, teilweise entzündeten Wundrändern umgeben. Das sah ziemlich unappetitlich aus. Dabei hatte sie diese blöde Angewohnheit, die immer dann zum Vorschein kam, wenn sie nervös war oder Angst hatte, schon so wunderbar unter Kontrolle gehabt. Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und starrte wieder auf die Tür, bis sich ihr Blickfeld in einer Flut verzweifelter Tränen auflöste.

Plötzlich ertönte aus dem Raum ein lautstarkes Klirren, kurz darauf knallte etwas Massiges gegen die Tür. Sie zuckte heftig zusammen. Wie lange würde der Holzbalken, mit dem sie die Tür verbarrikadiert hatte, noch halten? Und wenn er nachgab, was dann? Als Antwort folgte ein Schlag, der so wuchtig war, dass er die Wände ihres kleinen Gartenhauses erzittern ließ. Hanna stieß einen Schrei aus, rumpelte nach oben und schlug sich beide Hände vor den Mund. Verdammt! Sie musste leise sein! Geräusche machten das fette Ding womöglich nur noch wütender. 
Ein zweiter, gewaltiger Donnerschlag folgte und löste eine Kette von feinen Schwingungen aus, die durch ihren Körper vibrierten und unter ihren nackten Fußsohlen prickelten. Eine Empfindung, die sie unwillkürlich zum Lächeln brachte. 
Als kleines Mädchen hatte sie es geliebt, gemeinsam mit ihrer Großmutter zu alten Schlagern zu tanzen, und sich bei diesen Gelegenheiten nicht selten vor die wummernde Lautsprecherbox der Musikanlage gestellt. Die Schallwellen, die durch sie hindurchgerauscht waren, hatten ein ganz ähnliches Gefühl in der Magengegend erzeugt; eine Mischung aus Kribbeln, Kitzeln und juckendem Druck.

Ihre Mundwinkel sanken wieder nach unten. Warum nur wollte das Ding nicht sterben? Es war doch schon so lange ohne Nahrung. Wie war das überhaupt möglich? Sie hatte ein paar Mal versucht, nachzurechnen, seit wann sie mit dem Füttern aufgehört hatte, aber die Zeit war ihr irgendwie abhandengekommen. Die Stunden und Tage waren durchlässiger und ungreifbarer geworden, bis sie ihr schließlich vollständig entglitten waren. Am Ende hatte sie sogar den Eindruck gehabt, dass die Ereignisse hier in diesem Zimmer auf sonderbare Weise zeitgleich abliefen. Dann aber auch wieder nicht! Manches hatte sich vor etwas anderem ereignet, obwohl es eigentlich viel später hätte stattfinden müssen.
Egal! Genau genommen spielte das keine Rolle mehr. In ihrem Haus herrschte sowieso schon seit Langem ewige Finsternis, da sie die Fensterläden geschlossen halten musste, um zu verhindern, dass der Postbote oder ein aufdringlicher Kunde heimlich zu ihr hereinlinsten.

Hanna zog sich die Strickjacke enger um die Schultern und durchquerte zum hundertsten Mal an diesem Tag den Flur, um an ihrer Schlafzimmertür zu horchen. Bis auf ein kaum wahrnehmbares Rascheln regte sich nichts. Sie wandte sich ab und kehrte zu ihrem Stuhl zurück, nicht ohne ihrem zerwühlten Bettzeug auf der Couch einen sehnsüchtigen Blick zuzuwerfen. Wann hatte sie sich eigentlich das letzte Mal erlaubt, ein paar Stunden zu schlafen? Auch daran konnte sie sich nicht mehr erinnern, aber es war auf jeden Fall schon eine ganze Weile her.

Sie verschränkte die Arme vor sich auf der Tischplatte, ließ ihren Kopf darauf sinken und schloss die vor Übermüdung brennenden Augen. Hinter ihren geschlossenen Lidern blitzten sogleich unzusammenhängende Traumbilder auf. Was würde sie nicht darum geben, einfach loszulassen, in die köstlichen Tiefen des Schlafes, in den Hochgenuss der Entspannung, in die Wohltat des Vergessens hinabzugleiten. Aber wenn sie jetzt schwach wurde, verlor sie die Kontrolle und das konnte sie sich in ihrer derzeitigen Lage nicht leisten!

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